Zucker wird knapp

Heisst es in den Nachrichten. Davon habe ich persönlich noch nichts mitbekommen, produziere ja nicht im Lebensmittelbereich und zuhause brauche ich nicht viel. Aber sehr deutlich sind die Preissteigerungen zu spüren. Das Pfund ist deutlich schwächer und soll erneut abgewertet werden. Es fehlt dem Land, das Grundnahrungsmittel wie Weizen importieren muss, an US Dollar. Ein internationaler Kredit wird – so haben wir es in einem Vortrag gelernt – dann bewilligt, wenn nochmal die gleiche Summe an Finanzmitteln anderweitig organisiert werden kann. Ein stolzes Land in finanzieller Bittstellerposition. Jahrzehntelange Misswirtschaft und Korruption. Das kann man nicht in ein, zwei Jahren korrigieren und heilen tut weh. Das Kilo Rindfleisch kostet im Metrosupermarkt 123 LE, das sind gut 12 Euro. Vor einem halben Jahr waren es noch 80, vielleicht 90 LE. Fast alles ist teurer geworden, manche Produkte gibt es nicht mehr. Haribo Lakritzschnecken zum Beispiel. Finde ich jetzt nicht so schlimm. Höre ich jedoch, dass Babynahrung knapp wird und Medikamente für die Dialyse, dann berührt mich das schon eher.

Noch bin ich nur marginal betroffen. Strom, Gas und Wasser ist teurer, die Landlords (Wohnungseigentümr) fangen an zu spinnen. Brot, Käse, Reis, Gemüse, Obst bekomme ich nach wie vor, viel Besonderes leiste ich mir im Alltag nicht. Trotzdem gibt es einen Punkt, der Sorgen bereitet. Euro. Bislang konnte ich in Kairo von meinen beiden Konten, eines in Deutschland in Euro, eines in Ägypten in ägyptischen Pfund, je ägyptische Pfund abheben. Das geht immer noch. In Deutschland konnte ich von meinen beiden Konten immer Euro abheben. Das geht nicht mehr. Der Zugriff auf ägyptische Konten, um im Ausland Euro oder Dollar abzuheben, ist derzeit auf 100 Euro pro Monat begrenzt. Das monatliche Gehalt wird ordnungsgemäss in Ägypten versteuert und dann teils teils in Pfund und Euro ausgezahlt. Euro sind notwendig für Verpflichtungen in Deutschland wie Fortbildung, Krankenkasse, Rentenversicherung, Provider u.a.. Gespart habe ich in Euro und in Pfund. Einen Heimflug meist vom Eurokonto bezahlt und das Urlaubsgeld vom Pfundkonto abgehoben. Wenn ich jetzt beide Beträge vom Eurokonto abheben muss, bleibt zu wenig auf dem Eurokonto. Nun muss ich eine Lösung finden, um es umgekehrt zu machen, mit der ägyptischen Karte kann ich aber derzeit keine Flüge buchen. Lösung suchen ist angesagt. Im Notfall muss ich nach Deutschland zurück und habe dann auf mein Pfundkonto keinen Zugriff, brauche dann also die Euro. Dass der Notfall kommt, glaube ich nicht, aber wer weiss. Für den 11. November sind Demonstrationen der sogenannten „armen Leute“ angekündigt. Demonstrationen gegen Preissteigerungen. Das war in 2011 mit ein Grund für die Revolution. Im Moment aber ist alles ruhig. 

Angst habe ich keine. In direkter Nachbarschaft habe ich, nach meinem Umzug im Juli, zum einen nun die Schule und zum anderen das sogenannte Baladi, ein Viertel mit ägyptischen Arbeitern und Händlern. Viele Autowerkstätten, viele Kinder, die bis spät nachts unter meinem Balkon Fussball spielen und mit ihren Mopeds herumknattern. Gemüsekarren, Schreiner, Kioske, Sanitär- und Malergeschäfte, zwei Moscheen, Apotheke und die dazugehörigen Wohnungen. Klein, bunt, staubig. Kurz vor dem Opferfest im September bewohnt von den Familien plus ihren dazugehörigen Schafen, Kamelen und Ziegen. Mitten in Kairo wie auf dem Land. Ich kaufe dort mein Obst und Gemüse. Mich kennt man dort vom sehen. Das ist mir wichtig, für den Fall, dass es Demos gibt. Oder sonstige Unruhen. Ausserdem ist das Gemüse super und die Leute echt nett. Meine neue Wohnung gefällt mir auch, ist aber noch nicht „meine“. Trotz Aufzug, Nähe zur Schule, sauberen Böden vermisse ich manchmal mein altes Zuhause.

(Quelle Toubab)

Wie anstrengend Kairo sein kann, konnte meine Mutter bei ihrem Besuch im Oktober spüren. Wir hatten tolle Ferien, haben viel gesehen, waren im Fayoum und in der Wüste, toll essen, schöne Besichtigungen, richtig echte Ferien. Aber zwei Tage habe ich an mehreren Banken versucht, Geld abzuheben. Für die bevorstehende Miete und Fahrt und mehrere Nächte gebuchtes Hotel. Musste alles in bar bezahlt werden. Auf beiden Konten genug Geld, aber leider war es zwei Tage lang nicht möglich, daran zu kommen. Die Geldautomaten gingen nicht oder waren leer oder waren offline oder gingen während einer Transaktion offline und behielten die Karte. Alles ging dann irgendwann gut aus, aber was für ein Stress und Aufwand, nur um Geld abzuheben. Ich denke, das wird noch öfter vorkommen. Regelmässige Entspannung um alles bewältigen zu können, ist im Moment das Wichtigste. 

Werde mir nun ein Gläschen Wein gönnen. Der Wein, den mein Kollege eigentlich mitbringen wollte, den gibt es nun seit einigen Wochen auch nicht mehr. Solange es nur Luxusgüter sind, ok, der andere Wein ist auch lecker. Hoffen wir, dass Wohnungen, Strom, Gas und Wasser und die wichtigsten Nahrungsmittel weiterhin verfügbar und bezahlbar bleiben.