Wer ist Gloria? und Hallo Klaus!

Ich bin es gar nicht gewöhnt, Zeit zu haben. Vor den Ferien war unendlich viel in der Schule und mit govad zu tun, danach waren die Eltern zu Besuch und jetzt habe ich am Wochenende doch tatsächlich mal Zeit. So kurz vor den Zeugniskonferenzen.

Beim lernen für den Journalistenkurs, für den ich jetzt auch wieder Zeit habe, stelle ich erneut fest, dass bei dem geschriebenen Wort jedes Wort und jeder Satz wichtig und wohlüberlegt sein sollte. Hier schreibe und erzähle ich einfach nur, als würde ich mich mit jemandem unterhalten.

Eigentlich sollen wir über die Schule nicht sprechen. Und über Gesellschaft und Religion in diesem Land sowieso nicht. Dabei gäbe es so viel darüber zu berichten und sich auch aufzuregen. Über doofe und fiese Landlords, nervige Broker, ununterbrochen tobende und schreiende Kinder auf der Strasse, Dummheit in den Sozialen Netzen und auf den Strassen. Länderunabhängig. Eigentlich stimmt es auch, darüber wird sowieso schon viel zu viel geschrieben.

Meine Eltern hatten das Glück, nicht nur die Sehenswürdigkeiten in Kairo, sondern auch das Leben hier ein wenig kennenzulernen.

Und bevor ich davon erzähle, muss ich dennoch zwei zuckersüße Dinge aus der Schule loswerden. Wir hatten vor den Weihnachtsferien ein sehr schönes Weihnachtskonzert, unter anderem mit Beiträgen aus der fünften und zwei dritten Klassen und die haben das toll gemacht. Das war natürlich viel Arbeit, aber es gab auch immer Momente, die allerliebst waren, besonders in den dritten Klassen. Unter anderem sangen wir mit denen nämlich „Engel auf den Feldern singen“ mit einem „Gloria in Excelsis Deo“. Unsere Schule heißt auch DEO und das Lied hat nun so gar nichts mit der Schule zu tun. Fast lachen musste ich aber, als ich von einem Mädchen aus der dritten Klasse gefragt wurde „Frau Bremer, wer ist Gloria?“ Ich erinnerte mich dann daran, dass ich mir als Kind jahrelang den Kopf zerbrach im Weihnachtsgottesdienst, warum es denn Weihnachtslieder mit falschem Deutsch gibt. Hol der Knabe im lockigen Haar. Wer soll warum den Knaben holen und warum heißt es nicht Hol den Knaben? Hold war mir kein Begriff 🙂

Hallo Klaus!

Mama kannte Kairo ja schon. Papas Dauergrinsen, das dann die fast drei Wochen auch anhielt, begann beim Klaus Heller Lauf, einem Sportevent in unserer Schule. Wir sprachen in der dritten Klasse darüber, dass es ja spannend ist, wenn Mama und Papa beim Konzert zuhören und dass das für mich auch immer noch aufregend ist. Und dass ich mich freue, dass Opa und Oma Bremer bald zu Besuch kommen. Und dass der Opa so heißt wie der Klaus von unserem Sportevent und dass Opa und Oma sich freuen, die dritte Klasse kennenzu lernen. Erster Tag nach einem anstrengenden Flug. Ausschlafen und dann in der Schule gucken kommen. Erstmal umsehen. So eine deutsche Schule mitten in Kairo. Mama strahlte, weil sie alles wiedersah, Papa war noch verwirrt. Bis zu einem Spaziergang über den Sportplatz und ein Knirps aus der dritten Klasse angelaufen kam, dem Papa die Hand gab und sagte „Hallo Klaus“. Hat der sich gefreut. Also der Opa 🙂 Opa und Oma mussten dann auf den Startnummern Autogramme geben und für Papa begann das Dauergrinsen und alle Ägypter waren nett.

Ok, fast alle. Der Taxifahrer, der uns betrügen wollte, seinen Zähler nicht anschaltete und 35 anstatt angemessene 20 Pfund haben wollte, stieg meckernd aus dem Taxi aus, stritt sich mit mir und folgte uns bis an die Haustür, hinter der wir schnell verschwanden und abschlossen. Das war unheimlich weil der Typ einfach total bekloppt war.

Die meisten waren aber wirklich sehr nett und zuvorkommend und haben auch mir mehr Respekt entgegen gebracht, wenn ich irgendwo mit Papa erschien. Papa hat besonders gefallen, dass er nicht nur Sightseeing gemacht hat, sondern auch am Leben teilnehmen konnte. Er hat Leute kennengelernt, ging ganz normal mit zum einkaufen, lernte Manal kennen, die uns bekocht und versorgt hat, ging ins Konzert, wir haben mit anderen zusammen Silvester gefeiert. Und das war alles super. Ich bin wirklich froh und dankbar, dass wir das alle so gesund und vor allem miteinander erleben durften. Selbstverständlich ist das ja nun nicht. Schon krass, dass wir alle drei gemeinsam an den Pyramiden standen. Gut vierzig Jahre, nachdem ich das erste Mal von Ägypten gehört und in der Grundschule den Nil ausgemalt habe.

Zwei Dinge fand ich besonders beeindruckend.

Jesus war in Kairo.

Ok, da war er noch ein Baby. Aber ich kann mit der UBahn zu dem Platz fahren, an dem Jesus als Baby geschlafen hat und Maria und Josef gewohnt haben. Das ist schon irgendwie irreal.

Und dann hatten wir das große Glück, Mona kennenzulernen. Mona, das Mädchen aus der Totenstadt, über das der Journalist Haase das gleichnamige Buch geschrieben hat. Wir waren in ihrem Haus beziehungsweise – ja wie soll man das nennen – in ihrem Mausoleum, auf das ihre Familie aufpasst und wo ihre Familie lebt. Sie hat inzwischen eine kleine Tochter, Hana, im Kindergartenalter. Die läuft völlig unbeschwert zwischen den Gräbern umher und spielt mit Opa verstecken und kommt mit ihm an der Hand um die Ecke. Das war eine uns völlig fremde Umgebung. Reiseleiter warnen vor einem Besuch in der Totenstadt. Warum? Mona und ihre Familie waren total nett und über das Buch wurde sie zwar bekannt, wirtschaftlich hat sie daran aber nicht oder nur geringfügig gewonnen. Wir würden gerne die Familie von Mona unterstützen.

Papa hat von den tollen drei Wochen fast vierhundert fantastische Fotos gemacht. Hier kommen die schönsten:

Coolstes Familienfoto überhaupt unterhalb der Squinx
Typisches Touristenbild an den Pyramiden von Gizeh
Viel cooler: Die Pyramiden von Gizeh mit Blick von der Zitadelle – nah an der Stadt
Monas Zuhause
In der Sahara beim Qarun See zum Sonnenuntergang
Leben in Dokki, „meinem“ Stadtteil in Kairo

 

Es gäb noch viel mehr zu erzählen. Wie es im Winter blüht und duftet, was man alles anschauen und erleben kann, hunderte von kleinen schönen Momenten gemeinsam in Kairo und in Fayoum, Gedanken zum Neuen Jahr und den bereits nächsten Plänen. Das passt aber nicht alles in den Blog. Das würde ein Buch. Drei Wochen Kairo… Das wär mal ein Projekt, aber wer würde das lesen ausser diejenigen, die schon einmal hier waren und sich in Bilder, Gerüche und Eindrücke hineinversetzen können?

Gedanken zum neuen Jahr und einigen Plänen folgen hier jedoch bald. Und diejenigen, die wissen möchten, wie das Leben in Kairo wirklich ist, müssen einfach mal kommen und hier eine Zeit lang mitleben.