Vorleben und die Klappe halten

In Facebook kursierte neulich eine neue Studie – gut 30% aller Ägypter sind demzufolge Analphabeten. Geht man davon aus, dass noch einmal genauso viele Leute nur eine geringe Schulbildung haben, dann kommen wir auf ungefähr 75% der Bevölkerung, die aus westlicher Sicht unzureichend gebildet sind.

Die können das; wir sind diejenigen, denen das Probleme macht

Die Folgen der geringen Bildung spiegeln sich wider in der wirtschaftlichen Situation und in der Gesellschaft. Die Frage, die wir uns immer wieder stellen lautet:  können, müssen, sollen wir was tun und wenn ja, was? Wir sind diejenigen, die damit nicht umgehen können. Die Gelassenheit des „bokra inshallah“ und des „ma3lesh“ fehlt mir und den Menschen um mich herum. Und das macht mir Probleme und denjenigen, die ähnlich denken wie ich. Nicht den anderen 75%. Die können damit umgehen, haben sich eingerichtet. Haben ihr Leben organisiert. Und das machen sie gut. Meine Nachbarschaft gut 200m weiter ist das sogenannte „Baladi“ – ein Viertel mit Arbeitern, die hier so leben wie auf dem Land. Mit Ziegen und einer Schar von Kindern im Haus. Und sie sind nett und hilfsbereit. Haben Autowerkstätten und kleine Läden. Die Frau am Kiosk neben meinem Haus trägt Niqab und rechnet nicht so gut. Wir haben uns daran gewöhnt, dass sich unsere Unterhaltung beschränkt auf „wie geht es Dir“, „wie geht es der Mutter“ und ähnliche belanglose Dinge. Ich kaufe bei ihr mein Wasser und andere Getränke. Sie sagt mir, was eine Flasche Wasser und eine Cola kostet, ich rechne zusammen. Sie hat immer Kleingeld, ist immer freundlich zu mir, winkt, lacht und freut sich, wenn sie mich sieht. Genauso der Gemüsemann mit seinem Karren, den ich seit Ramadan leider nicht mehr gesehen habe und der Lebensmittelmann Mohamed mit seinem Garagenshop. In Ägypten lässt sich immer alles organisieren. Das können sie gut. Und wenn eben keine Zeit für Bananen ist, dann gibt es eben keine Bananen. Im Moment ist Zeit für Kaktusfeigen. Dann ist das so.

Schwierig wird es, wenn Dienstleistungen und Lösungen gefragt sind. Wenn man abhängig ist davon, daß jemand anderes seinen Job erledigt. In den ganzen Callcentern und Shops sitzen angelernte Kräfte. Telefonate werden geführt nach Standardprotokoll – thank you for calling Vodafone… Gibt es ein Problem, dann bleibt das Problem so lange bestehen, bis ein anderer es löst. Bokra inshallah – morgen wenn Gott will. Oft will er einfach nicht und so warte ich jetzt zum Beispiel seit sechs Wochen auf einen Internetanschluß. Reflektieren, weiterdenken, Nachhaltigkeit, Langfristigkeit. Alles Themen, die hier wenig Anwendung finden. Wenn man… dann könnte man… dann wäre auch… gibt es hier nicht oder nur selten. Ein patriarchisches System. Sehr sehr vereinfacht gesagt. Es gibt Regeln aus Religion und Politik, und danach wird gelebt und sich damit arrangiert. Auf Langfristigkeit konnte man in den letzten Jahren wenig setzen, und so gilt vorrangig das Überleben im Jetzt. Mein persönlicher Eindruck – keine Gesellschaftsstudie.

Mich mach das wahnsinnig, wenn dieses weiterdenken, sich in andere hineinversetzen, Lösungen finden und anderes nicht funktioniert. Nicht nur mich. Viele, die von außen kommen; und viele bleiben in ihrer deutschen oder ausländischen Gemeinde und das, was an „ägyptisch“ benötigt wird, wird eingekauft. Haushaltshilfen, Fahrer, Dienstleister.

Kann ich mir nicht leisten, will ich auch nicht.

Ich hätte gerne mehr von dem bokra inshallah

Es ist mir gelungen, mich vor meinem Deutschlandaufenthalt nicht mehr wegen Internet aufzuregen, sondern das auf nach der Reise zu verschieben. Eventuell hat jemand anderes das Problem dann auch schon gelöst. Solange muß ein mobiler Hotspot aushelfen. Ma3lesh –  macht nichts.

Gelingt mir aber nur in den Ferien, (noch?) nicht im Alltagsstreß. Und es hat auch zwei Wochen gedauert, bis sich Feriengefühl eingestellt hat. Es war ein sehr anstrengendes Halbjahr und neben fünfzehn Klassen Musikunterricht kamen noch zwölf weitere Veranstaltungen und Konzerte dazu. Ausßerdem habe ich meine ZFA-Zertifizierung als Ortslehrkraft bestanden und ein Zertifikat in Social Media Marketing erarbeitet. govad MUSIC wurde neu aufgesetzt mit Sound Branding und Emotional Marketing. Sehr spannend, aber auch sehr anstrengend alles.

Immer wieder, wenn wir uns aufregen, diskutieren wir und suchen nach Ursachen und Möglichkeiten. Wir kommen immer wieder auf den gleichen Punkt. Das einzige, was wir tun können, ist vorleben. Wir können niemanden erziehen und belehren. Die Gesellschaft und die Politik können wir sowieso nicht ändern. Zudem ist es – wegen der Stabilität des Landes – unerwünscht, Dinge auszusprechen, die soziale Unruhe verursachen könnten. Klappe halten über Schule, Gesellschaft und Religion. Puh, das ist schwer. Aber meine Sicht der Dinge ist ja nicht die bessere Sicht, lediglich eine andere. Und nach wie vor unterschreibe ich den vor langer Zeit von mir ausgesprochenen Satz: Das schwierigste in Kairo ist lernen ohne zu bewerten.

Das was zu tun bleibt ist also vorleben und das bilden in der Schule. Dort fangen wir mit dem weiterdenken bereits in der Grundschule an. Auch in Musik. Grundschultest „Die Zauberflöte“. Frage: Stell Dir vor, Du bist Tamino und die drei Damen von der Königin der Nacht wären nicht gekommen, um Dich vor der Schlange zu retten. Was würdest Du tun? Die Antwort

„Ich wäre gans schnel gerant“

ist eine mit gut zu bewertende Antwort, denn der erwartete Denkprozess hat stattgefunden. „Schreibe einen anderen Schluss für die Zauberflöte. Wie hätte die Geschichte noch enden können?“ war die nächste Aufgabe.  Mit den älteren Schülern geht dieser Denkprozess weiter. Das Rilke-Projekt, Klasse 10. Was macht dieses Gedicht mit Dir und wie kannst Du das, was es mit Dir macht, in Musik umsetzen? Und genau das haben wir gemacht und im Frühjahrskonzert präsentiert. Mit arabisch-sprachlicher Ergänzung. Sehr spannendes Projekt. Und diese Schüler sind dann zukünftig hoffentlich diejenigen, die das berühmte „think out of the box“ weiterführen und Lösungen für die Wirtschaft und das Land finden.

Das Land erfährt ja gerade Reformen – auf Druck von außen als Auflagen des IWF-Kredites. Diesen Job möche ich nicht machen müssen. Ich finde es zum Beispiel gar nicht gut, wenn sich alle Länder amerikanisieren. Ok, so wie es bislang die Ägypter machen, klappt es auch nicht. EIne Balance finden, damit Ägypten ägyptisch bleibt und trotzdem wieder auf die Füße kommt. Stellt sich die Frage, was ist eigentlich heute „ägyptisch“. Eine kulturwissenschaftliche Frage, die ich hier nicht beantworten kann. Idenifizierung und Abgrenzung sind hier wichtige Themen. Spannende Themen. Sollte ich mal drüber schreiben. Schon wieder ein Thema zu schreiben. Jetzt mach ich aber erstmal meine Journalistenausbildung zuende, damit ich das Handwerkzeug zum schreiben auch lerne.

Ich hab noch so viele Themen auf der Agenda, aber zu Ferienbeginn war erst einmal ausschlafen und aufräumen wichtig. Aufräumen in der Wohnung, ja, aber auch Dinge wie Internetseiten, Facebook Freunde, Passwörter, Kooperationen, Gedanken. Einen freien Kopf bekommen für den Sommer und all die vielen schönen Themen.

Freue mich auf Deutschland, auf mal wieder Auto fahren und auf Wacken. Na dann…

Und was man bei all dem „anstrengend“ nie vergessen darf – es bleiben noch 25%, denen es genauso ergeht wie mir. Diejenigen Ägypter, denen das alles genauso auf den Wecker geht und für die es genauso anstrengend ist. Und in einer 20 Millionenstadt sind das ja immerhin noch 5 Millionen Menschen. Hier läßt sich alles organisieren und lösen. Ägypter sind hilfsbereit und sehr freundlich und bei allem „anstrengend“ ist man damit hier wenigstens niemals alleine.