Vom westfälischen Landregen zu „Faster Harder Louder“

Kairo ist weit weg von Deutschland. Der Flug geht schnell, aber die emotionale und kulturelle Differenz ist immens. Es ist verführerisch, sich vom idyllischen Grün im Münsterland anstecken zu lassen. Besuch zuhause war sehr entspannend. Ich habe wirklich gar nichts machen müssen und vor lauter Entspannung trotz Nutella, Salami und Gummibärchen zwei Kilo abgenommen. Die Tage haben sich so eingependelt. Frühstück, bisschen was einkaufen oder ausruhen, immer um eins Mittagessen, danach ausruhen und Mittagsschlaf, einen Ausflug, Gesellschaftsspiele, Kaffee trinken und ruckzuck sind die Tage rum. So gesehen, eine kleine, heile Welt; wenn man nicht so genau hinguckt. Das Grün ist beispielsweise fast eine Mais Monokultur geworden, denn mit Biogas verdienen die Bauern ihr Geld. Und überall ist gefegt und alles nach aussen hin sauber. Aber diese kleine heile Welt existiert leider auch in vielen Köpfen. Meine Eltern sind ja weltoffen und belesen; aber ich bin erschrocken, wie viele – und ich habe ernsthaft nach einem höflichen Wort gesucht aber keines gefunden – strunzdumme Leute es in Deuschland gibt. Deutschland ist nicht so sauber, wie es mit schönen Vorgärten vorgibt, zu sein. Und für solche Leute ist Kairo unerreichbar. Emotional und intellektuell unerreichbar. Muss es ja auch nicht, macht es mir aber leichter, wieder nach Kairo zu fliegen. Leider schon in einer Woche.

Im Spiegel las ich einen Artikel über die junge Elite, die in Afghanistan entstanden ist. Eine junge Frau wurde zitiert: Wir wollen nicht länger von Männern regiert werden, die Waffen haben, aber nicht lesen können. Was für eine starke Aussage. Von dieser Kraft und eine junge, aus Eigenmotivation entstandene junge Elite würde ich mir auch wünschen. In Deutschland und auch Ägypten, aber habe ich das Gefühl, die sogenannte Elite ist zu satt für Kraft und Eigenmotivation. In Deutschland sitzt sie aus meiner Sicht gut verdienend in Consulting Companies, in Ägypten weiss ich es nicht so genau. Ich jedenfalls merke nicht viel von einer starken Kraft mit dem Willen zur Veränderung. Wenn ich überlege, ob und was ich tun kann, dann komme ich wie immer nur auf das Thema „vorleben“. Mama möchte eigentlich gar nicht, dass ich beispielsweise ihre Spülmaschine ausräume, denn Gläser und Teller stehen danach dort, wo ich sie hinstelle und nicht, wo sie es möchte. Ich kann auch nicht in Ägypten aufräumen. die müssen ihre Teller schon selbst wegstellen. Ich kann – im übertragenen Sinne – in der Schule nur zeigen, wie man eine Spülmaschine benutzt. Machen müssen sie es dann selbst. Es ist nicht meine Aufgabe zu lernen, wohin die Teller kommen.

Ausflug nach Hoge Veluwe

Nach dem Besuch zuhause ging es zunächst nach Kiel. Ich war noch nie in Kiel. Und es war friedlich, idyllisch und verführerisch. Sehr schön am Meer. Aber von Kairo zu weit. Keine direkte Verbindung und noch kann ich mir nicht vorstellen, nicht in Kairo zu sein. Aber ich möchte meine Agentur nicht aus den Augen verlieren. Ich habe noch so viele Projekte im Kopf.

Inzwischen bin ich in Wacken angekommen. Sitze im Pressezelt und schreibe diesen Blog. Das ist doch mal richtig cool. Für einen Metal Battle im nächsten Jahr habe ich mir eine coole Lösung überlegt, mal gucken, ob es klappt. Die Juryarbeit ist anstrengend und am Nachmittag klang heute jede Band fast gleich. Dazu das lange stehen. Insgesamt dreissig Bands je zwanzig Minuten. Aber meine Kollegen sind so nett und es macht Spass. Spass, Backstage abzuhängen, sich in anderem musikalischen Umfeld zu bewegen, als in der Schule – obwohl ich natürlich eine unschlagbar coole Musiklehrerin bin 🙂 Neue Leute, neue kreative Ideen, internationale Kontakte und Austausch im Team. Wenn ich mein Wristband richtig interpretiere, habe ich in diesem Jahr sogar Zugang zur Artist Village. Den Schlagzeuger von Amon Amarth wollte ich ja eh im Pressebereich treffen; die Manager mögen das aber nicht, wenn die Musiker in den Pressebereich gehen, weil sich dann alle gleich auf die Musiker stürzen. Wenn ich da wirklich Zutritt habe, dann bin ich die Einzige, die sich dann stürzt. Hatte ihn nach Kairo in die Jury eingeladen. Leider ist er zehn von zwölf Monaten im Jahr unterwegs. Aber er ist total nett. Dafüt hat die Band Divide aus Kile eventuell Interesse an Auftritt und Jury in Kairo. Die habe ich beim Bootshafensommer gehört und die waren richtig gut. 

Auf dem W:O:A vor dem jungfräulichen Infield
Cool in Wacken sind die Musiker, die meisten Leute, die Backstage arbeiten und so echte erwachsene Rocker. Allerdings lachen wir uns halb tot über diejenigen, die sich für Wacken als „cool“ verkleiden. Verklemmte, blassgesichtige Nerds und Hausfräuleins, die mit eingezogenen Schultern mit Piratentüchern, albernen Wickingerhelmenn oder Schottenröcken oder als Einhorn über das Festival schleichen. Für den ders mag ists höchste. Jedem das Seine. Nervig wird es nur, wenn die allzu besoffen werden. Stört aber meistens auch nicht, denn in den VIP Bereich kommen die ja nicht. Hier sind wir unter uns. Jedem halt das Seine.

In einer Woche also geht es nach vier Wochen nun wieder zurück nach Kairo. Und ich habe entschieden, Deutschland, Wacken, Kiel, die Möglichkeiten mit govad trotz Kairo wieder ein bisschen näher an mich heran zu lassen. Denn letztendlich sind es dann doch nur ein paar Stunden Flug und nicht unbedingt ein entweder oder.