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An der Stelle, an der mein Schulbus mich morgens immer abholt, steht eine Art Garküche. Es gibt die üblichen ägyptischen Sandwiches – Ei, Taamia (Falafel), Pommes, Gemüse, Foul, Pickles. Für diejenigen, die am Stand essen möchten in kleinen Blechschüsselchen zum selber mixen, zum mitnehmen entweder in Plastiktüten oder Brot.
Ein alter Mann kam an den Stand. Traditionell gekleidet, Turban, Galabeya aber gute Lederschuhe. Der Essenstand wird von zwei jungen Männern betrieben. Einer von ihnen war dabei, die Sachen anzurichten. Alle Zutaten sind auf grossen Blechtellern aufgestapelt und werden mit einem Löffel oder mit der Hand genommen, in einer Blechschüssel zusammengerührt je nachdem wie viel Ei, Tomaten etc man haben möchte und dann ins Brot oder Tütchen gepackt. Oder in die kleinen Blechtellerchen. Diese werden nach Benutzung abgespült, also durch kaltes Wasser geschwenkt und wenn notwendig mit der Hand ausgeputzt. Für einen empfindlichen Magen ist das sicherlich nichts.
Na jedenfalls kam der ältere Mann an den Stand, hatte 3 Ägyptische Pfund in der Hand und sagte er möge Ei und Kartoffeln im Brot. Der junge Mann vom Stand wollte das Geld nicht annehmen. Der ältere Mann bestand aber darauf.
Ein kurzer aber berührender ägyptischer Moment. Die jungen Männer vom Stand sind sicherlich nicht reich. Schnippeln jeden Tag das Gemüse, braten die Taamia, kochen die Eier, machen die Pommes, kommen mit allem morgens um halb sieben auf die Strasse und bekommen für ein Brot ein paar Pfund.
Aber sie haben etwas, was nicht jeder in diesem Land immer hat – Essen und im Sommer kühles Wasser. Nicht nur einmal konnte ich beobachten, wie ältere Menschen an so einen Stand kamen und Wasser bekamen. Und wenn jemand wirklich gar kein Geld hat, dann bekommt man auch etwas zu essen. Aber die meisten Menschen nehmen das nicht an. Sie sind zu stolz, um etwas geschenkt zu nehmen. So auch der ältere Mann heute morgen. Er hat zwei dick gefüllte Brote für seine drei Pfund bekommen, für drei Pfund gibt es sonst weniger. Aber er hat dafür bezahlt.
Hier hat das Wort „teile mit den Armen“ nicht nur einen Sinn sondern wird auch gelebt wobei diejenigen, die fast nichts haben, trotzdem meistens nicht einfach betteln sondern etwas verkaufen. Ein Bündelchen Grünzeug meistens oder eine Hand voll Früchte. Das bekommen sie sicherlich von jemandem in der Familie was ok ist, denn in der Familie hilft man sich. und auf der Strasse „verkaufen“ sie dann anstatt „nur“ zu betteln.
Auf dem Weg vom Schulbus zur Wohnung steht ein alter Mann, bestimmt nicht älter als mein Papa. Hat Parkinson und steht am Krückstock und wie so vielen älteren Menschen hier fehlen ihm ein paar Zähne. Er steht geduldig am Strassenrand mit Minze in der Hand. Und immer wenn ich ihn sehe, geb ich ihm ein paar Pfund. Ein paar Münzen. Die Minze nehm ich dafür nicht. Ich geb ihm nur ein bisschen Kleingeld. Aber wenn ich ihm 2, 3 Pfund gebe, davon kann er essen. Niemanden ernähren aber hungern muss er dann auch nicht.
Ich könnte ihm auch einmal im Monat fünfzig oder hundert Pfund geben. Und sagen bleibt halt mal ne Woche zuhause. Aber das würde seinen Stolz verletzen. Und ihm nichts geben, das geht auch nicht. Wenn der Mann vom Essenstand sein Essen für umsonst hergeben würde weil jemand Hunger hat, dann kann ich auch etwas abgeben.
Alles hat seine Grenzen. Meistens gebe ich in meiner Nachbarschaft weil die im gleichen Viertel leben wie ich und meistens an ältere Männer. Frauen werden in der Regel von den Familien oder Männern mit versorgt und Frauen die halbtote Kinder (ruhiggestellt mit z.B. Whiskey) auf dem Arm haben, denen gebe ich auch nichts. Man hat im Laufe der Zeit ein paar Menschen, die man wenn man sie sieht, automatisch ein bisschen mit unterstützt, ein jeder in seiner Umgebung. So wie hier habe ich das noch nie wirklich gelebt gesehen und ich finde es beeindruckend wie selbstverständlich das ist. Es ist kein grosses Ding. Es gibt keine Spendenquittung, Charity Gala, ein Los um was zu gewinnen. Hast Du mehr Essen als Du brauchst gib dem der Hunger hat und bezahle diejenigen, die Dir mit etwas helfem. Kauf Dein Obst am Stand auf der Strasse, es kommt frisch von der Farm und hilft den Bauern. Gib dem jungen Mann drei Pfund der Dir beim einparken hilft, ein paar Pfund für denjenigen, der Dir den Einkauf trägt und für den Bawwab, der Dein Auto wäscht und den alten Mann der den Müll abholt. Teile was Du hast mit den Menschen in Deiner Umgebung. Sinnvoll und in Massen und ohne den anderen zu beleidigen. Aber teile was Du hast. So machen die das hier. Und meistens diejenigen, die selbst schon nicht viel haben.
Wieso erinnert mich das an die Jesusgeschichten aus dem Kindergottesdienst?

Nachsatz:
Eine Freundin meinte – ja, so ist das. Aber nett sein und teilen erübrigt sich, sobald die heutigen Inhaber der Garküchen dann mal eigene Cafes haben. Dann verlangen sie Minimum Charge (also Mindestumsatz was ich hasse!!!) damit sie die richtige Clientel anlocken und die ärmeren oder diejenigen, die nur einen Kaffee trinken wollen, nicht reinlassen müssen oder sie schicken sie gleich weg die sie nicht wollen. Damit hat sie dann nur auch wieder leider recht.
Habe ich selbst mal erlebt im Bonbini Cafe, gleich bei mir in der Strasse. Das ist eh ein „teures“ Cafe. Shisha kostet dort 30 Pfund, ca. 3 Euro, ein Kaffee 18 oder 20, also 1,80€ bis 2€ also fast schon europäische Preise. Kamen zwei Bawabs, also Pförtner aus der Nachbarschaft, in traditioneller Kleidung. Kam gleich der Inhaber an – sorry wir haben Minimum Charge. Der hat noch nicht mal gefragt, was sie möchten. Wollte die gleich los werden. Mich hat noch nie jemand nach Minimum Charge gefragt. Tat mir leid für die Bawabs – warum sollen denn die nicht auch den Kaffee dort trinken, der ist eh teuer genug.
Es ist nicht nur Ger“money“ – Geld Geld Geld ist anscheinend die Sprache die die Welt beherrscht. Dislike!