Sommerlaune

Hätte ich nicht mein neues Tattoo – mein erstes übrigens und ja, das tut weh – dann hätte ich manche Momente, in denen ich zweifeln würde, dass die letzten Wochen real waren. Nach einem wirklich destruktiven Schuljahr hatte ich so viele positive ungewohnte Momente, die mir eine Energie verliehen haben, die mich hoffentlich noch weit über die Ferien hinaus trägt.

Auf das Schuljahresende hatte ich mich nicht nur wegen der Ferien gefreut, sondern auch, weil kurz nach Ferienbeginn meine neue Wohnung frei wurde. Ruhige und gute Lage, habe jetzt das Gefühl, auf der „richtigen“ Seite von Dokki zu wohnen. Aber renovierungsbedürftig, das wußte ich. Renovieren auf Ägyptisch ist ein Kapitel für sich. Der Umzugsmann mit seinen Leuten war toll, das war eine durch und durch positive Erfahrung. Und nachdem er das schon lange macht und auch weiß, wie ägyptische Handwerker arbeiten, meinte er, das müsse ich jetzt aushalten. Damit hatte er dann auch recht. Mit aushalten meinte er die Maler. Die zwar die Wände sehr schön gestrichen haben, die Türen aber nicht abschliffen, die Türklinken und Balkontürgriffe überpinselten und vor allem eine absolute Sauerei in der Wohnung hinterließen. Farbfußabdrücke in der ganzen Wohnung, Zigarettenkippen auf dem Fußboden, alles bekleckert mit Farbe vom Toilettenspülkasten bis hin zu den Schränken und der schöne schöne Holzfußboden der so schön geglänzt hatte, komplett mit einem weißen Staub- und Farbschimmer überzogen. Es war zum heulen. Und dann war der Handwerker auch noch frech, das wäre alt gewesen. Nie wieder mit dem und sein Geld war er auch nicht wert. Dann lieber niemanden von der Deutschen Schule sondern einen einzelnen Ägypter, der die letzte Wohnung auch strich, etwas langsamer aber sehr sauber und freundlich.

Das habe ich ausgehalten und tagelang geputzt. Der Schreiner war auch ein Erlebnis. Zum einen war er nur ein Mal da und schickte ansonsten seine zwei Helfer. Auch diese, wie auch die Maler, kein Wort europäischer Sprache. Arabisch und mit Händen und Füßen. Ich weiss jetzt was Farbe und Staub und Leiter und kaputt auf arabisch heißt. Bei den Schreinern konnte ich die Seelenruhe der Handwerker kennenlernen. Die Holztüren der Küchen hatten die abgeschliffen. Und obwohl die Scharniere noch dran waren und nur pro Tür vier Schrauben befestigt werden mußten, hat das Anbringen der Türen über eine Stunde gedauert. Der Abriß des zugebauten Balkons ging dann aber trotz aus meiner Sicht fehlenden Werkzeuges ruckzuck. Mit einer Säge und einem Brecheisen. Meine Nerven. Jetzt geht der Balkon rund um das Apartment und sieht super aus. Blöd nur, dass jetzt zwei Balkontüren fehlten. Der zugebaute Balkon hatte ja wennauch inzwischen verrottete Fenster, da sparte man an den Balkontüren. Die mußten vom Schreiner angefertigt werden. War nicht geplant, aber ich wollte alles fertig haben. Bereits beim Ausmessen stellte sich heraus, dass der Türrahmen komplett schief ist. Oben 1,15m, unten 1,17m u.a. Wir bringen eine Tür die in etwa paßt und machen den Rest vor Ort. Ok. Und genau das taten sie. Erstmal – und das scheinen wohl alle Handwerker so zu machen, tranken sie jedoch Tee. Und später dann Wasser. Sie fragten auch nicht, ob sie Tee bitte haben dürfen, sie bestellten quasi bei mir. Etwas befremdlich anfänglich. Die Balkontüren waren also da und dann ging es los. Vier Stunden lang. Hm, paßt noch nicht, ok, dann hier noch ein bißchen weg und da noch was. Jetzt sind die Balkontüren drin. Und sie gehen zu, meistens jedenfalls.

Alles in allem ist meine Wohnung super schön geworden. Trotz allen Aushalten müssens, allen Anstrengungen. Das schöne war auch, ich hatte wieder das Gefühl, in Ägypten zu sein und nicht nur ausschließlich in der deutschen Bubble hier in Kairo. Als es dann so weit war, nach Deutschland aufzubrechen, hatte ich gar keine Lust. Doch das sind bekanntermaßen ja die besten Erlebnisse.

Kiel war super einerseits und sehr befremdlich andererseits. In der sauberen Ostseeluft am Meer entlang radeln war toll, ebenso der Sandhafen, das Radler und die Cocktails. Beim shopping hatte ich so gar keine Lust weil ich ja alles auch quasi in Kairo bekomme und in der Stadt hatte ich das Gefühl, ganz Deutschland besteht aus Ü60 Leuten in Funktionsjacken. Schlimmer aber noch fand ich, dass ich alles, was um mich herum gesprochen wurde, verstand. Wie gruselig. Hier in Kairo muß ich bewußt hinhören, wenn ich wenigstens etwas verstehen will. War mir irgendwie zu viel.

Wacken war dann ein absolutes Highlight. Zum einen war es wieder international. Im Moment könnte ich rein Deutsch gar nicht mehr, fürchte ich. Dann war ich jetzt auch schon ein paar Mal dabei und traf nicht die Kollegen, sondern die Kollegen wieder. Das war schön. Ganz selbstverständlich dazu zu gehören. Ohne Ranking. Da waren wir alle die Promoter. Egal woher, egal welcher Status. Keine Abwertung. Im Gegenteil. So positives und unverhofftes Feedback. Moni, schön Dich zu sehen, Du siehst toll aus, veränderst Dich gar nicht. Äh… ich? Ja ich! Und das nicht nur ein Mal. Das hat alles so viel unkomplizierter und leichter gemacht. Dann hatte ich quasi Agenturnachwuchs dabei, der mit der Band geholfen hat. Das war nicht ganz einfach, weil die zu spät kamen und die Gitarre kaputt ging. Meine Nerven. Einen Wespenstich hatte ich auch. Aber alles konnte ich aushalten. Hatte ich ja schon geübt. Mittwochabend kamen dann noch Freunde aus Kairo, jetzt Berlin. So merkwürdig. Kairo und Libanon und alle Promoter in Wacken auf einer Wiese zu treffen.

Wenn dann im Zelt die Flagge von Libanon oder hoffentlich nächstes Jahr Ägypten auf der Bühne in Wacken sehe, dann hab ich immer Tränen in den Augen. Immerhin ist es  nicht nur aber im Wesentlichen meine Arbeit, die die Bands dort hin bringt. Und auch das muß man erst mal können und aushalten.

Der Donnerstag war von der Gemeinschaft her der tollste Tag. Was für ein Abend in unserer Metal Battle Lounge bzw. davor. Witzig, unterhaltsam, unkompliziert, einfach nur schön!

Freitag war musikalisch das Highlight. Sechs Jahre habe ich auf Nightwish live gewartet. So viele Emotionen verbunden mit dieser Band und immer noch die Vision, sie auf die Bühne vor den Pyramiden zu bringen. Treffe hier ja demnächst jemanden, der das mit gestalten könnte. Jedenfalls trat Nightwish ohne Orchester, also auch nicht mit anderem Posaunisten auf. Da war ich beruhigt. Und stand mit Tränen in den Augen auf dem Infield. Dabei hatte ich kurz vorher noch gelacht und getanzt. Freundin wollte unbedingt zu Schandmaul und das war das beste Tanzen seit Langem. Erwachsene Männer – wirklich auch ganz fesche – tanzten und hüpften mit Tausenden auf dem Infield. Das war unglaublich und machte unglaublich gute Laune und Energie.

Das Tanzen hab ich mitgenommen aus Wacken. Und die Leichtigkeit und alle positiven Erinnerungen. Und mit dieser Energie hatte ich zwei schöne Wochen mit Familie. Mit allen acht. Davon drei Nichten und Neffen und endlich mal ausreichend Zeit für die Kinder, um sie wenigstens ein bißchen kennen zu lernen. Ausflüge, Schwimmen, Freilichttheater, Kino, Grillen. Alles, was dazu gehört. Schön! Die Kleinstadt drumherum manchmal ein bißchen wie Loriot 🙂

Jetzt in Kairo habe ich dieses innere Tanzen immer noch. Es muß immer noch einiges vor allem Im Bad in der Wohnung gemacht werden. Aber Simba ist von der Ferienmutter zurück, es ist warm, alles ist gut. Und mit meiner inneren Freude habe ich angefangen, einige Dinge umzusetzen.

Es kommen spannende Monate und eines weiß ich genau. Das Leben ist zu wertvoll, um sich jeden Unsinn anzuhören und jeden Quatsch mitzumachen. Und sollte ich das vergessen, dann schau ich mir mein Tattoo an und erinnere mich an Tanzen und Lachen und positives Feedback mitten im Nichts für ein paar Tage auf einer Kuhwiese die so viel mehr war. Und auch, wenn es Wacken nur ein Mal im Jahr gibt, die Menschen sind nicht weg, nur nicht so konzentriert an einem Ort verfügbar. Das ist schön. Mein schwedischer Kollege hat sich für nächstes Jahr schon wieder als Jurymitglied für Ägypten angemeldet.

Das Leben geht weiter!