Ostern in Beirut…

…und Frohe Pfingsten aus Kairo.

pfingstrosen

Wir haben Sommer. Temperaturen offiziell zwischen 35 und 40 Grad. Sommer erkennt man aber vor allem daran, dass es nachts auch nicht wirklich kühler wird. Schön für die Dachterrasse, blöd zum schlafen ohne Klimaanlage, die jedoch regelmässig krank macht. Meine in meinem Zimmer ist eh kaputt und irgendwie hätte ich lieber einen Ventilator als eine Klimaanlage. Im Wohnzimmer aber bin ich froh, dass die alte Klimaanlage fast den Spielfilm im ZDF übertönt.

Pfingsten findet hier fast nicht statt. Wann koptische Pfingsten sind oder ob koptische Pfingsten sind, weiss ich zugegebenermassen gar nicht. Mitbekommt man jedenfalls davon nicht viel. Nachdem ich demnächst aber an einer Evangelischen Oberschule arbeiten werde an der die Woche Sonntagmorgens mit einem Gottesdienst beginnt, wird sich das dann ja bald ändern. Eigentlich ganz schön. Von den ägyptischen Feiertagen haben wir hier nicht viel in puncto „Feiertag“. Es ist zwar meist auch frei, aber wir feiern da eigentlich nicht. Das ist alles Familiensache und Familien sind für Foreigner weitestgehend unzugänglich. Da ist es dann doch schön, wenigstens die christlichen Feiertage auch als solche zu erkennen und zu bemerken. An einem Vorbereitungstag an der neuen Schule habe ich auch schon den evangelischen Pfarrer hier kennengelernt und als Musiklehrerin werde ich den Gottesdienst alle paar Wochen begleiten. Fühlt sich ein bisschen wie zuhause an. Und auch das ist schön. Dinge zu tun und Menschen zu treffen, die sich nach zu Hause anfühlen, also an Gewohnheiten erinnern, die man von früher kennt und mag. Alles von früher mag man ja auch nicht mehr haben.

beirut felsenVon Ostern habe ich auch nicht viel mitbekommen in diesem Jahr, denn ich war in Beirut. Als Jurymitglied des Metal Battle im Libanon. Neugierig war ich und schon der Anflug auf Beirut war toll. Libanon soll sehr liberal sein und man könne toll in den Bars feiern. Nun gut, dafür war ich nicht da sondern für den Bandwettbewerb, aber neugierig war ich trotzdem. Wie üblich ist vor Ort dann alles viel einfacher als man sich das vorab im Geiste so ausmalt. Visum, Taxi, alles easy. Hotelzimmer mitten in Hamra war toll gelegen und in Ordnung. Nur sehr merkwürdig war, dass das Leitungswasser salzig war. Buah :/

Beirut sollte recht europäisch sein und so war ich von meinem ersten Spaziergang doch enttäuscht – die Häuser sahen aus wie in Kairo. Ist dann eben doch Middle East. Und sauber war es auch nicht überall und auch in Beirut gibt es Strassenkinder und Bettler. Aber Beirut ist wunderschön. Eine Mischung aus Kairo und München. Und direkt am Meer. Downtown ist wie München, Geschäfte gibt es wie überall die Gleichen – H&M, Starbucks, Malls, Mc Donalds etc. Das Gelände der Universität habe ich mir als erstes angeschaut und war dann auch im Cafe Shisha rauchen. Teurer ist alles und gezahlt wird entweder in Libanesischen Pfund oder in Dollar. Umrechnungskurs und Preise ganz klar geregelt – kein Verhandeln, kein Gestreite. Es ist nicht so sandig und nicht so laut wie in Kairo und manchmal sauberer. Und Downtown eben viel schicker als Kairo – obwohl Kairo das auch sein könnte, wenn sich jemand kümmern würde. Oder Geld dafür ausgegeben würde. Downtown in Beirut ist dann aber auch genauso teuer wie in München. Und nicht jeder verdient so viel wie in München. Es gibt aber auch bezahlbare Cafes und Bars. Und überall Alkohol. Das ist toll. Libanon hatte früher mal 60% Kopten, heute sind es noch ca 40%. Frauen mit Kopftuch gehören zum allgemeinen Strassenbild, aber ebenso Frauen in kurzen Röcken.

Eigentlich dachte ich, ich müsse für den Battle noch was vorbereiten, das Team treffen etc. Dem war aber nicht so. Die waren alle so mit Vorbereitungen beschäftigt. Trotzdem war ich nicht alleine – am ersten Abend holte mich ein Musiker ab und fuhr mit mir fast durch den halben Libanon. Durch ganz Beirut und in die Berge. Das war cool. Am nächsten Tag dachte ich, als Jurymitglied müsse ich früh da sein, stattdessen traf ich die Fotografin Nancy und wir waren am Meer und später trafen wir Nathalie zum Tee bei ihr zuhause und dann war abends ja der Battle. Der hat total Spass gemacht und ich habe tolle Leute getroffen. Das Moderieren der Siegerbekanntgabe hat mir total Spass gemacht und danach waren wir noch mit ein paar Leuten in einer Bar. Mit Bier und Musik. Das war super und wäre doch toll, wenn so eine ausgelassene Stimmung auch manchmal in Kairo wäre. Oder sagen wir, in Kairo selbstverständlicher wäre. In Hotelbars etc gibt es das ja.

Also Beirut und Libanon ist schön und der Battle war klasse. Dennoch habe ich etwas ganz anderes im Kopf, wenn ich an Ostern im Libanon denke. Denn jeder, den ich traf und mit dem ich mich unterhalten konnte – der Musiker, die Fotografin und Nathalie – alle sprachen vom Krieg. Unaufgefordert und unabhängig voneinander. Der sogenannte 33-Tage Krieg im Jahr 2006 – Hisbollah gegen Israel und Israel hat Luftangriffe gegen Libanon inclusive Beirut geflogen. Mir wurde erzählt, was die Musiker damals gemacht haben, was sie beruflich gemacht haben, wie sie den ganzen Situationen begegnet sind und mit beispielsweise Luftangriffen umgegangen sind. Fast neun Jahre ist der Krieg her. Und hat „nur“ 33 Tage gedauert. Aber die Erlebnisse sind immer noch präsent. Die Fotografin kommt aus Tripoli und war damals zehn, der Musiker und Nathalie Anfang, Mitte zwanzig. Krieg, auch wenn er noch so kurz ist, macht etwas mit den Menschen. Genauso wie mit den Ägyptern, die hier regelmässig bewaffnete Polizei, Armee und Waffen auf den Strassen sehen. Und jetzt sieht Libanon wieder Krieg. Aus Syrien. Tripoli ist direkt an der Grenze zu Syrien und die Fotografin erzählte mir davon, wie nachts Menschen über die Grenze flüchten – im Schlafanzug weil man ihnen gerade das Haus unterm Hintern weggebombt hat. Libanon hat 4 Millionen Einwohner und zusätzlich 1 Million Syrische Flüchtlinge. Und der Krieg in Syrien geht seit Jahren und niemand macht etwas dagegen. Weil Syrien kein Öl hat? Oder gab es auch Geschäfte mit Assad? Die Politiker verar… uns doch sowieso alle. Und die Leidtragenden sind die Zivilisten. Bravo 🙁

Was mir zu denken gibt – was wissen wir schon aus Syrien oder dem Libanon? 2006? Woran erinnere ich mich an 2006? Bei Infineon habe ich gearbeitet, im Orchester gespielt, meinen Tauchschein gemacht und Urlaub in Safaga am Roten Meer. Krieg im Libanon? Wenn ich das überhaupt wahrgenommen habe, dann als Schlagzeile unter vielen in den Nachrichten. Berührt hat mich das damals definitiv nicht. Dafür dieses Jahr an Ostern umso mehr.

Hier sind einige Fotos aus Beirut:
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