Kundenarbeit, Automatenkommunikation und ein persönlicher Vergleich mit meinem Alltag in Kairo

Heute morgen habe ich einen Beitrag auf 3Sat über das Thema „Kundenarbeit“gesehen. Es ging darum, dass die Kunden und Konsumenten immer mehr Serviceleistungen unentgeltlich selbst übernehmen. Beispiel Supermarkt. Nicht nur, dass der Kunde sich selbst bedient, selbst verpackt und transportiert. Es wurde am Beispiel des Schweizer Marktes „Migros“ ein neues Bezahlsystem mit Scannern vorgestellt, bei dem der Kunde zum einen eine Kundenkarte benötigt und zum anderen jede Ware, die er in den Einkaufswagen legt, zunächst mit einem Handscanner scannt. Die Daten werden sogleich an ein Bezahlterminal weitergeleitet und der Kunde zahlt dort mit Karte. Der Vorteil soll sein: Keine Warteschlange an der Kasse, ein schnellerer Prozess für den Kunden. Der Vorteil für den Supermarkt: Ein transparenter Kunde weil genau nachverfolgt wird, wer welche Produkte kauft, Personaleinsparungen durch Leistungen, die der Kunde selbst vornimmt: Den Scanvorgang und den Bezahlvorgang. Durch den sofortigen Scanvorgang wird zudem der Warenbestand umgehend aktualisiert, der Kunde übernimmt somit auch Logistikarbeit. Es wurden weitere Beispiele genannt wie das selbständige Einchecken und Gepäck aufgeben bei Lufthansa, das selbst zusammen bauen der Ikea Möbel und ein Beispiel aus dem Banking Bereich.

Jede neue Technologie bringt Vor- und Nachteile. Das will ich hier gar nicht betrachten, sondern aus rein persönlicher, nicht wissenschaftlicher Sicht, überlegen, wo diese Automatisierung hier in Kairo ebenfalls stattfindet, wo es funktioniert, wo es aus meiner Sicht fehlt oder wo ich froh bin, dass es das nicht gibt. Vergleichen kann ich hier Supermarkt, Ikea, Flughafen.

Supermarkt. Ja, wir haben hier an grossen Supermärkten den Alpha Markt, die Metro und Carrefour im Wesentlichen. Plus viele viele kleine Kioske, Strassenverkäufer für Obst und Gemüse und viele kleine Lebensmittel-Läden, na sagen wir besser Büdchen. Die Supermärkte funktionieren wie die Supermärkte in Deutschland auch. Selbstbedienung bis auf die Wurst-, Fleisch- und Käsetheke. Dann eine ganz normale Supermarkt Kasse mit Fliessband und wenn gewünscht Kartenzahlung. Vorausgesetzt, es gibt Strom und eine Online Verbindung für die Kartenzahlung. Erster Unterschied dann zum Supermarkt in Deutschland – wenn man Glück hat, hilft jemand beim Einpacken der Tüten. Und es gibt kostenlose Tüten denn Einkaufstaschen benutzt hier kaum jemand. Wenn ich mit meinem Rucksack einkaufen gehe, grinsen immer alle 🙂 Man trägt mir die Tüten dann auch gerne zum Auto wenn ich denn eines hätte oder nach Hause. Natürlich gegen ein paar Pfund. Zehn Pfund, ca. 1,20 Euro sind durchaus angemessen. Das hat in München noch nie jemand für mich gemacht. Online Order geht auch, genauso wie Tengelmann auch online shopping anbietet. Klappt nicht immer, bietet nur die teuren Produkte – sowohl in München als auch in Kairo. Aber die schweren Wasserflaschen nicht in den 7. Stock schleppen zu müssen, hat schon Vorteile.

Die Supermärkte haben Vorteile – die Preise stehen fest und der Bezahlvorgang ist auch bargeldlos möglich. Allerdings gehe ich lieber zu den Ständen an der Strasse und in die kleinen Lebensmittelbüdchen. Warum? Ok, eines ist schwieriger. Ich weiss im Voraus nie, was es kostet und an den Strassenständen bin ich der Willkür der Verkäufer ausgeliefert. Da muss man fragen: Was kostet ein Kilo ägpytische Bananen? Im Laufe der Zeit versteht man ja Alltagsdinge immer besser und besonders hilfreich ist es, zuzuhören, wenn Ägypter nach den Preisen fragen. Kauft jemand vor Dir Bananen für 7 Pfund das Kilo und man bietet Dir das Kilo für 17 an, dann weisst Bescheid und fängst entweder an zu streiten oder gehst. Der Gemüsemann ist immer fair. Kilo Tomaten, ein Pfund Gurken, ein Pfund Kartoffeln und Zwiebeln – so zwanzig Pfund, ca. 2,50 Euro. Und mit Händen und Füssen klappt es schon. Im kleinen Lebensmittelbüdchen werden die Preise gescannt und wenn ich den Preis nicht verstehe weil er zu schnell redet, dann hält er mir den Bon unter die Nase. Es ist schwieriger als im Supermarkt aber warum mag ich trotzdem lieber dort einkaufen? Weil das Persönliche hinzu kommt. Ich möchte in Ägypten leben. Supermarkt ist wie Deutschland. Ich bekomme auch fast alles wie in Deutschland. Ich will es aber ägyptisch! Und ich möchte Kontakt zu den Menschen hier. Und der fehlt im Migros noch viel mehr als in einem normalen Supermarkt. Eine Dame, die dort interviewt wurde, meinte, man könne leben wie eine Schildkröte. Man müsse mit niemandem mehr reden ausser mit Automaten. Lufthansa sagte ganz deutlich, dass genau das gewünscht sei. Sie wollen die Kunden erst sehen, wenn die ins Flugzeug steigen.

Aber diese persönlichen Kontakte machen für mich das Leben in fremder Umgebung doch aus. Ich kann natürlich im Supermarkt einkaufen wie zuhause, nur mit deutschen Kollegen ausgehen und das am besten in Restaurants, die sich die Ägypter nicht oft leisten und dort wohnen, wo alle Foreigner wohnen. Will ich aber nicht. Der Mohamed, der etwas füllige Büdchenbesitzer, der kennt mich jetzt nämlich. Und das ist schön. Und in dem anderen Lebensmittelladen, die die auch Katzenfutter haben, die kennen mich auch. Ich kann mir jeweils selbst meine Dinge aussuchen, muss es aber nicht. Vor allem, wenn alles in diesen Büdchen bis unters Dach gestapelt ist und ich sowieso nicht dran komme. Aber es gibt alles. Nicht immer alles von jeder Marke, aber es gibt alles, es sei denn, es ist aus 🙂 Und so ist einkaufen auch immer ein bisschen Kontakt zu anderen Menschen und Service gibt es für mich als Frau auch immer. Ich finde es schön, wenn mir jemand den Korb abnimmt und mir meine Sachen einpackt und Hallo zu mir sagt weil sie mich dort kennen. Und bezahlt wird dort in bar. Irgendjemand in Deutschland hat doch jetzt vorgeschlagen, Bargeld abzuschaffen. Was für ein Quatsch. Hier funktioniert es nicht. Viele Menschen haben noch nicht mal ein Bankkonto. Gehalt wird größtenteils in bar ausgezahlt. Miete in bar bezahlt, Telefonrechnung und vieles mehr. Nichts mit Dispo Kredit und Schulden machen. Das ist hier nicht üblich und oft auch nicht möglich. Und aus persönlicher Erfahrung heraus finde ich das gut. Kaum hatte ich die ersten Azubi Geldeingänge, habe ich Dispos bekommen. War gerade ein paarundzwanzig Jahre alt und habe ein Auto finanziert was mir später verreckt ist. Und was mir alles an Versicherungen angedreht worden ist, die absolut sinnlos waren und nie gezahlt haben! Was hab ich in meinem Leben schon draufgezahlt an Banken und Versicherungen. Von daher emfinde ich das fast wie eine Erleichterung, Geld in bar zu bekommen und zu zahlen. Ganz ohne Kreditkarte wenn man Flüge online buchen will geht es nicht. Aber selbst da könnte ich in ein Reisebüro gehen und meine Flugtickets in bar kaufen. Vorausgesetzt ich finde ein englischsprachiges Reisebüro.

Also die Vollautomatisierung würde hier zum einen nur für diejenigen funktionieren, die sowohl ein Bankkonto plus die dazugehörigen Karten haben. Und das sind mindestens 50% der Menschen hier nicht. Und gesellschaftlich funktioniert es glaube ich, hier nicht. Ich habe immer das Gefühl, die Metro und der Alpha Markt sind halb leer während in den Büdchen und an den Ständen dauernd Menschen sind. Und immer sind die Büdchenbesitzer auch am Telefon und nehmen Bestellungen auf und liefern dann. Hier gibt es den Service ohne viel Automatisierung. Anrufen den Typen den man kennt und sagen was man will und dann bekommt man das geliefert. Kommunikation ist hier wichtig. Nicht nur in Facebook. Auch auf der Strasse. Hier wird gestritten und gelacht und gegrüsst und man hilft sich. Aus Tradition aber auch aus der Not heraus. Und nachdem der Staat keine wirkliche Sicherheit bietet, helfen sich die Menschen selbst. Sowohl was Sicherheit auf der Strasse angeht. Jeder Bawwab hier rund um unser Haus kennt mich. Man passt auf, wer in die Häuser kommt und wer wohin geht. Man schaut aufeinander. Würde mir in einer belebten Strasse ein Bösewicht versuchen was zu tun, muss ich nur ganz laut schreien und die Männer kämen aus allen Ecken gerannt um zu helfen. Oft gesehen, mir gottlob noch nie passiert. Und so geht es auch stückweise mit sozialer Sicherheit. Man lebt größtenteils in Familien, muss nicht alleine Miete und Lebensunterhalt zahlen. Den Banken wird oft nicht vertraut. Es gibt etwas, dessen Namen ich mir nicht merken kann. Aber da leihen sich Freunde untereinander Geld wie folgt. Jemand braucht 1000 Pfund. Und hat es nicht. Tut sich mit drei weiteren Freunden zusammen. Jeder gibt vier Monate lang 250 Pfund und die 1000 Pfund die monatlich somit zusammen kommen, bekommt jedes Mal ein anderer Freund. Ohne Zinsen, basierend auf Vertrauen. Man vertraut dem eigenen Umfeld mehr, als den Banken.

Funktioniert Ikea hier? Für Foreigner ja. Ansonsten kenne ich die Marktzahlen nicht. Weitestgehend leben die Leute hier bei den Eltern bis sie heiraten. Dann wird eine Wohnung vom Ehemann gekauft und eingerichtet. Richtet man eine Wohnung, die man gekauft hat und für die Familie für ein Leben lang gedacht ist, mit Ikea Möbeln ein? Nein. Studenten, die günstig Möbel benötigen, wohnen entweder bei den Eltern oder ziehen – was hier durchaus üblich ist – in möblierte Wohnungen. Die gibt es hier viel öfter als bei uns. Foreigner die ein paar Jahre bleiben, ziehen in möblierte Wohnungen. Wir kaufen bei Ikea Dinge wie Geschirr, Teelichter, Handtücher und Bettlaken. Um sich ein bisschen modern und heimisch zu fühlen und weil wir wissen wie es geht und weil wir wissen was es kostet. Neben normalen Möbelhäusern gibt es hier auch noch Schreiner. Die fertigen Betten und Regale auf Wunsch und Massanfertigung. Ebenso gibt es noch Polsterer. Und wenn man sprachlich in der Lage ist, denen zu sagen, was man möchte, finde ich das viel schöner als Ikea und qualitativ könnte es auch besser sein.

Automatische Gepäckaufgabe am Flughafen in Kairo? Wer das in Betracht zieht, hat noch nie eine ägyptische Familie reisen sehen. Kein weiterer Kommentar.

Also ist Automatisierung in Kairo Quatsch weil viele keine Bankkarten haben und es nicht in die Kultur passt? Im normalen Alltag meine ich, ja. Die Reichen, die die Bankkarten hätten, haben auch ihre Angestellten die die Einkäufe etc erledigen. Das normale Volk geht entweder in mehr oder weniger grossen Lebensmittelgeschäften und auf der Strasse einkaufen. Service wird gerne angenommen. Ikea? Reiche Leute hätten ihre Angestellten die die Möbel für sie zusammen bauen würden, Foreigner lieben das Gefühl von „ein bisschen wie zuhause“. Was hier funktioniert sind online Bestellungen. Hier wird alles geliefert. Lebensmittel. Essen. Selbst McDonalds liefert. Auch hier geht das, dass man tagelang nicht das Haus verlassen müsste und sich alles liefern lässt. In Kairo gibt es zwar Downtown, aber keine Innenstadt mit Einkaufspassage. Es ist alles dezentral in kleinen Läden oder in grossen Malls. Die Malls sind ausserhalb, da muss man mit dem Auto hinfahren. Von Laden zu Laden zu fahren, ist mühsam und langwierig. Ausserdem ist online die Auswahl oft gut. Das funktioniert hier zumal auch in bar gegen Lieferung gezahlt wird. So bekommt man auch Dinge, die nicht ägyptisch sind wie Handys, Computer, Bücher etc. Das funktioniert. Und für uns Foreigner ist Otlob als englischsprachige Online Essenbestellung ein Segen 🙂 Es geht schnell und die lokalen Anbieter sind echt günstig.

Gibt es Bereiche, in denen Automatisierung hier angebracht wäre? Ich denke, im Endkundenbereich, im Konsumerbereich nicht so wie bei uns in Deutschland. Aber ich vermisse Automatisierung überall da, wo Willkür und Korruption und – nach deutschen Verhältnissen – Chaos herrscht. In den Elektrizitätsbetrieben in denen die Abrechnungen stapelweise nach Bezirken in den Schubladen gestapelt werden. In der Mogamma, der Stadtverwaltung wo alles mit Hand ausgefüllt wird und hunderte von Menschen arbeiten die nach Anwesenheit anstatt nach Leistung bezahlt werden, weil es nicht kontrollierbar ist. In der Exekutive des Staates wo Willkür und Korruption herrscht – Verkehr nur mal so als Beispiel. Alles verwaltungstechnische. Und dort, wo Unterschiede in Nationalitäten gemacht werden. Eintritt fürs Museum, Vergabe von Visa, Erhalten von Lizenzen etc. Einem Automaten ist egal, ob jemand vor ihm steht der männlich oder weiblich ist, alt oder jung, deutsch oder ägyptisch. Das wär mal was für alles was hier unfair ist. Aber so funktioniert die Welt leider nicht.