Herbsttag

Das Wetter ist schön geworden und die Tage kürzer. Anfang November und auf dem Balkon blüht es wie im Frühjahr. Bereits ab Mittag gibt es angenehmen Schatten, und die Sonne brennt nicht mehr so. Auf dem Balkon sitzen wir jetzt meist zu zweit. Ich dachte eigentlich, ich suche mir wieder ein Zimmer in Zamalek. Immer alleine in Kairo ist anstrengend und immer nur Kollegen muss ja auch nicht sein. Ich erinnerte mich an die gute Zeit mit Magdalena und nun bin ich froh, dass ich nicht umziehen muss und trotzdem jemand zuhause ist. Bis März erstmal. Ausserdem gibt es einen Relaunch von govad MUSIC, und auch dafür habe ich einen Partner gefunden. Den Metal Battle wird es aufgrund der derzeitigen wirtschaftlichen und politischen Situation erst in 2018 wieder geben, es ist daher Zeit für Neues mit einem Business Case. Mit dem Chor hatten wir einen wunderschönen Probentag im Swiss Club mit Garten und Bratwurst, Konzerte sind Anfang Dezember. Kairo ist wieder schön und weniger anstrengend. Aber diese Idylle trügt. 

Für morgen, Freitag, den 11. November, sind landesweite Demonstrationen angekündigt. Plätze wie Zamalek werden bereits vom Militär gesichert, Tahrir Platz soll bereits geschlossen sein. Es gehen Gerüchte um, dass ab heute Abend bereits eine Ausgangssperre verhängt werden soll, doch das kann auch nur mediale Angstverbreitung sein. Ich habe am Samstag einen Termin im Musikstudio und fragte meinen Kollegen dort, ob er denn meint, dass Samstag dann wieder ruhig sein wird oder ob etwas passiert? Seine Antwort war: Es wird nichts passieren. Und wenn doch, Monika, dann machst Du nur noch eines – ins Flugzeug und ab nach Deutschland. Also entweder bleibt es ruhig, oder es knallt gewaltig. Angeblich, und man muss wirklich immer angeblich sagen, denn ich kann nur die englischen Übersetzungen jeweils wirklich lesen, machen die Muslimbrüder gegen das Regime mobil. Alles wird teurer, einiges wird knapp, das ägyptische Pfund verliert im Vergleich zu sogenannten harten Währungen täglich an Wert. Geht man jetzt einkaufen, dann weiss man nicht mehr nur nicht, ob man alles bekommt, was man möchte. Man weiss auch nicht mehr, was es kostet. Jeden Tag ändern sich die Preise. Das ist irgendwie komisch. Nur am Gemüsestand ist alles wie es war. Kilo Tomaten, halbes Kilo Zwiebeln, Paprika und Zucchini haben 17 Pfund gekostet. Vor zehn Tagen waren das in Euro noch 1,70€, heute fast nur noch halb so viel. Könnte jetzt günstig einkaufen, wenn ich meine Pfund vom Euro Konto abheben würde. Aber dann habe ich halt keine Euro mehr bzw. weniger. Wahrscheinlich gilt wie immer im Leben: Die Mischung machts.
Wir haben keine Ahnung, was morgen passiert. Grundnahrungsmittel und Wasser sind im Haus. Angeblich sind jetzt alle Voraussetzungen für den internationalen Wirtschaftskredit erfüllt, dann sollte es doch wirtschaftliche Perspektiven geben. Wie aber erklärt man das Menschen aus sogenannten bildungsfernen Schichten, die im Radio hören, dass die Regierung Schuld ist, dass alles so teuer ist und dass sich das nur ändert, wenn man zur Demo geht. Und das Militär sagt, innerhalb von sechs Stunden sind sie im Notfall startklar. Hanshouf, wir werden sehen. Hoffentlich sehen wir nichts und warten ab, bis sich Perspektiven entwickeln und die Währung stabilisiert.