Herbst in Mohandessin

Es ist Herbst geworden und irgendwie kalt. Manchmal jedenfalls. Heute sind 27 Grad aber der Wind ist irgendwie frisch und wir hatten hier auch schon „nur“ 20 Grad und nachts bisschen kälter. Jeder hier ist oder war erkältet wie zuhause eben auch 🙂
Na was heisst zuhause… Ich bin nach Mohandessin gezogen und es gefällt mir fast besser als Zamalek denn wenn man aus der Tür geht ist man eben richtig in Ägypten und nicht im Foreigner-Botschaftsviertel. Man lässt mich hier viel mehr in Ruhe auf der Steasse habe ich das Gefühl… und ich habe mich frei gemacht von der Idee, dass jeder der mich anschaut gleich auf mich draufspringen oder mir was böses will. Was sie wirklich denken oder sagen weiss ich nicht. Aber ich grüsse den Mann der morgens an seinem Karren vor unserem Haus sein Frühstück verkauft genauso wie unseren Bawwab (Pförtner) (der allerdings nicht so wahnsinnig nett ist). Dass sie die Foreigner hier für alles doppelt bezahlen lassen, das ist leider so. Aber je mehr arabisch ich verstehe und versuche zu reden, desto einfacher wird es. Manchmal gelingen mir kleine Gespräche und ich bin jedesmal stolz, wenn mir jemand auf arabisch antwortet wenn ich rede. Übrigens sind die Ägypter Profis im Transport. Nicht, dass es ein ausgeklügeltes Transportsystem gäbe. Die Methode ist einfach. Man stapelt alles auf einen Pick Up, Schnur drüber, fertig. Es fällt auch nichts runter. Ab und zu kippt der Pick Up um – dann fällt es runter und wenn es Ziegelsteine oder so sind, dann gibt es einen Mega Stau. Aber auf dem Pick Up wird alles transportiert. Leute, Ziegelsteine, Bananen (siehe Bild), Kisten mit Tomaten, Säcke mit ich weiss nicht was drin, Schulbücher, Zement, Sand – was man halt so transportiert 🙂 Werde demnächst mal wieder ein paar Bilder hochladen und den Link dann als update senden.

20131128-184831.jpgMein Zimmer und die Wohnung und die Mitbewohnerin sind nett und wir kochen und backen regelmässig. Einer von uns backt immer einen Kuchen am Wochenende und irgendwann werden wir explodieren 🙂 Natürlich hat es einige Zeit gedauert bis wir uns alle aneinander gewöhnt haben, Agathe, Katze Selina und ich aber ich fühle mich pudelwohl.
Leider sehe ich im Moment mein zuhause in Kairo selten.20131128-184641.jpg

Bislang bin ich immer noch morgens in Zamalek in den Schulbus gestiegen und somit um 5.15h aufgestanden. Jeden Tag. Ab nächster Woche aber steige ich auch in Mohandessin ein was aber bedeutet, dass ich nicht mehr automatisch täglich den Nil sehe. Merkwürdig…
Aber jetzt haben wir wieder eine Moushrifa (Helferin) im Bus die die Kinder ein- und auslädt. Als wir niemanden hatten, habe ich das auch noch gemacht und mein Tag fing um 6.15h richtig an. Aber dadurch ist auch der Kontakt zu den Kindern besser geworden. Samuel ist drei. Kindergartenkind. Den kann man ja morgens wenn der Kindergarten noch zu ist nicht alleine im Hof lassen. Also hab ich ihn an die Hand genommen und mit ihm gewartet bis jemand im Kindergarten da war. Bilderbücher angeguckt oder mit Autos gespielt oder Instrumentenbilder die der Kindergarten hat angeguckt. Manchmal geht er gerne bei mir an der Hand, manchmal ist er mir entwischt der Racker und meine einzige Chance war, ihm auf dem Schulhof hinterher zu laufen und ihn dann irgendwann am Henkel seines Rucksäckchens zu packen. Mag er gar nicht aber lieb hat er mich trotzdem. Er hat auch aufgehört jeden Morgen im Bus zu spucken. Gottlob. Als ich wegen Erkältung drei Tage zuhause war, hat man mich im Kindergarten tatsächlich vermisst – wusste gar nicht, dass jemandem aufgefallen war, dass ich nicht da war. Schön zu wissen.

In der Schule hat es nochmal so richtig geknallt. Mein Musikraum ist oben bei der Geschäftsleitung und unser Dr. M mag es gar nifht, wenn es laut ist. Weder im Flur wenn wir von der Klasse in den Musikraum gehen noch wenn Türen knallen oder wenn ich schimpfen muss. Und ich kann richtig richtig laut schimpfen – und ich bin sicher das hat man bis Zamalek gehört. Ich werde dann laut, wenn die Kinde anfangen, sich zu schubsen, zu hauen und wild durcheinander zu schreien. An besagtem Tag gab es schon Gemecker in der ersten Etage weil die Klasse absichtlich im Treppenhaus getrampelt hat und zwei Lehrer die sich unterhalten wollten sich gestört fühlten. In der ersten Etage ist halt das Lehrerzimmer. In der zweiten Etage dann Gemecker von der Moushrifa weil sie gesprochen haben und es laut war. Bevor die Kids ins Musikzimmer dürfen und bevor ich aufschliesse wiederhole ich jedes Mal immer und immer wieder die Regeln – leise hinsetzen, nichts anfassen und nicht schubsen…. Hat nicht geklappt…. Drei Jungs fingen an, sichnum zwei Stühle im Stuhlkreis zu prügeln – neben der Orgel, einer Gitarre von einem Schüler und meinem Ipad. Boh bin ich böse geworden. Das Ipad ist schon einmal herunter gefallen und die Instrumente sind eh nur geliehen von Schülern und Kollegen weil unsere Bestellung irgendwo bei der ZfA höngt. Blöderweise hat unser Dr. M das gehört und kam mit einer Moushrifa gucken gerade als ich ziemlich laut die Klasse geschimpft habe dass sie noch nicht mal in der Lage sind… weiter bin ich nicht gekommen. Dr. M stand in der Tür, als ich was sagen wollte hob er nur die Hand und ging. Ich habe gedacht, das war es… Jetzt wirft er mich von der Schule. Eine Kollegin die mit ihrem Kunstraum direkt neben mir ist, hat mich dann beruhigt. Sie kennt das schon. Im Kunstraum gibt es keinen Wasseranschluss und die Kids müssen raus zum Waschraum. Wenn Fenster offen sind, knallen halt die Türen und laut werden muss auch sie immer mal wieder.
Mit einem Kollegen habe ich besprochen, dass nur eine Schocktherapie helfen kann. Dass er jedes Mal mit den Klassen mit geht, wollte ich nicht. Also habe ich am nächsten Tag den Musikraum umgeräumt. Kein Stuhlkreis mehr sondern Schreibtische. Und alle Instrumente sind auf mysteriöse Weise (hinter Regalen versteckt) verschwunden. Das hat geholfen. Ebenso, dass ich vom Direktor die Erlaubnis bekommen habe, die Kinder nicht mehr von der Klasse abholen zu müssen. Wenn die jetzt alleine in den Musikraum kommen und laut sind, dann bekommen die Kinder geschimpft und nicht mehr ich. Die Regeln gelten weiterhin – leise hinsetzen und nichts anfassen und es klappt – ok mehr oder weniger 🙂 Respekt haben viele allerdings immer noch nicht. Die Eltern zahlen Schulgeld und erwarten, dass ihre Prinzen und Prinzessinnen dafür gute Noten bekommen und sich aufführen dürfen wie sie wollen. Allerdings klappt das bei mir nicht. Ich mach mich nicht zum Entertainer der Kinder und zu den Sklaven der Eltern. Erschreckend zu sehen, wie manche mit Lehrern und Moushrifas und Daedas umgehen. Manche Klassenzimmer sehen aus wie Müllhalden nach einem Tag, ebenso der Schulhof nach der Pause. Wie viele werfen ihre leeren Dinge einfach auf den Boden – soll das halt die Daeda aufheben. Unmöglich aber ich bin nur die Lehrerin. Auch das mit dem arabisch reden im Unterricht wird bei mir neuerdings konsequent unterbunden. Wenn ich mehrmals im Unterricht ermahnen muss, nicht arabisch zu sprechen, wird der Musikunterricht abgebrochen und Musiktheorie als Deutschdiktat gemacht. Was ist ein Metrum, was ein Tempo etc. Plötzlich ist dann ganz leise und wird mitgeschrieben. Natürlich geht auch das nicht ohne Erklärung. Warum ist es wichtig deutsch zu sprechen wenn alle Prüfungen auf deutsch sind? Wie könnt ihr denjenigen helfen, die keine deutschsprachigen Eltern zuhause haben und und und. Immer und immer wieder. Ich erzähle ihnen dann, dass ich sie gut verstehe. Wenn ich mit einem Taxifahrer schimpfe, mache ich das auch auf deutsch weil es viel einfacher für mich ist etc. Langsam wird es schon und wir machen tolle Dinge im Musikunterricht.

Neulich war ich richtig stolz. Klassen 6 haben erste Klassenarbeiten geschrieben. Ein Junge hat 103 von 103 Punkten. Ich hab gedacht ok, vielleicht hat er mir nicht gesagt, dass er ein Instrument spielt. Nein, spielt er nicht, er hat das alles bei mir gelernt. Das konnte ich fast gar nicht glauben und hat mich richtig gerührt. Komisches Gefühl 🙂 Das ist was anderes als ihnen singen und tanzen beizubringen.
Mit einigen Klassen hat ein richtiger Dialog angefangen. Da haben die Kinder eigene Ideen, denken mit, schlagen Sachen vor die wir dann natürlich auch mit einbeziehen. Den ganzen Zettelkram an die Eltern und Striche an die Tafel machen wir nicht mehr. Es klappt im Moment auch so. Vier Mädchen aus der 3a haben gestern geweint. Weil wir abgestimmt hatten ob wir beim Sportfest zuschauen wollten und die Standen dann weinend auf dem Sportplatz weil sie lieber im Musikraum die Tiermasken für Karneval der Tiere machen wollten. Die 3b macht Figuren aus Pappe um Karneval der Tiere damit als Theater zu spielen, eine Fünfte macht die Tiere aus Pappmache, die andere Fünfte als Marionetten. Da haben wir Ideen gesammelt und setzen es jetzt um. Das sind dann tolle Tage.
Heute war das Musikzimmer voll mit Seifenblasen. Klasse 1a nehme ich manchmal freiwillig im Musikunterricht und heute war das Aquarium dran. Die Luftblasen der Fische zum Klavier wurden dann mit Seifenblasen gemacht. Woraufhin jemand aus 1b dann kam und gefragt hat, ob denn die 1b auch mal kn den Musikraum kommen dürfe. Ach so ein Tag müsste viel mehr Stunden haben.
Anstrengend ist es. wir unterrichten die Kinder so, wie in Deutschland ADHS Kinder unterrichtet werrden. Jedenfalls habe ich darüber gelesen am Wochenende und genauso machen wir es. Klare Regeln, kleine Lernerfolge, nicht zu viel erwarten, Unruhe mit einbeziehen und und und. Ich kann mir von meiner Nichte gar nicht vorstellen, dass die in Deutschland im Unterricht genauso frech und unkonzentriert ist. Klar, ist ja meine Nichte.

Nachmittags wenn ich mal fertig bin mit schlafen und abends ist das Thema Wacken Metal Battle jetzt aktuell und super viel Arbeit. Call for Bands ist fertig, die Jury steht, Gespräch mit dem Culture Wheel hat es gegeben und ich bin in der Community meiner weltweiten Kollegen. Letzteres ist besonders toll und motivierend, weil das natürlich wertvolle und erfahrene Kontakte sind und richtig Spass macht.20131128-184720.jpg
Am Montag war Konzert. Anarchy und Scarab. Natürlich war ich schon beim Soundcheck backstage dabei. Das war super. Und endlich Scarab live gesehen. Im April werde ich dort stehen und den Bandwettbewerb organisieren. Und einen wichtigen Hinweis habe ich bekommen – Monika, denk dran das sind alles Männer um Dich herum die arabisch reden. Bereite Dich gut und professionell vor. besonders das mit dem arabisch hat mir zu denken gegeben und ich suche jetzt einen Lehrer für zwei Mal pro Woche damit ich so viel wie möglich verstehe. Die Verhandlungen mit dem Venue sind auch nicht einfach aber ich mach das schon.
Schön ist, nachdem ich hier fast zwei Jahre lang so viele Arschl…. getroffen habe, ich nun inshallah auch die guten Ägypter kennen lerne. Ausserdem habe ich wieder guten Kontakt zu meinem längsten Freund hier.

Mein soziales Umfeld hat sich nochmal geändert seitdem ich in Mohandessin wohne. Kein tägliches Shisha rauchen mehr, kein tägliches ausgehen in Zamalek. Es ist mehr Alltag eingekehrt mit Schule, Agentur und wenigen guten Bekannten aber mir gefällt es.

Ausserdem bin ich ja sooo verliebt. In Ahmed aus der 3b. Das ist eine Miniausgabe von meinem Lieblingsschlagzeuger, den könnte ich fressen so süss ist der. Ach meine Kinder sind schon toll irgendwie.

Was allerdings gar nicht bei mir aufkommt ist Advents- und Weihnachtsstimmung. Ich habe zwar Weihnachtslieder in der Schule angefangen auch für das Grundschulfest und ich habe jetzt eine Flöte hier. Morgen ist grosser Weihnachtsmarkt der DEO deutsch evangelischen Oberschule in Dokki wo wir Mädels fast alle hingehen. Weihnachtsmarkt bei Sonne und 27 Grad? Ach neeeeee.
An Weihnachten komme ich vom 24.12. bis 6.1. nach München. Wohnung umräumen und „richtig umziehen“. Bin ja quasi ungeülant hier geblieben und hatte weder Pullover noch Jacke noch Schal dabei. Ausserdem vermisse ich neben Klamotten ein paar Dinge. Fliege mit gemischten Gefühlen. Vermisse mein Orchester, Regen, Schweinsbraten, einige Menschen. Aber nicht mehr in Kairo zu sein kann ich mir auch nicht vorstellen. Wo bin ich zuhause und wie lange bleibe ich?

Dann gibt es noch einen Verlust zu beklagen. Kater Otto hatte Krebs und wir haben ihn vor zwei Wochen einschläfern lassen. Rest in peace my faithful friend. Und es gäbe noch soo viel zu erzählen, so viele Kleinigkeiten die mir jeden Tag auffallen, also muss ich wohl mal wieder regelmäßiger schreiben, aber es war einfach keine Zeit. Schleierhaft ist mir auch noch, wie ich Zeit finden soll für die Geschichts- und Philosophie Klausuren im März zu lernen, seufz. So ein Tag ist einfach mal viel viel viel zu kurz… aber das ist ja auch gut so!

Auch wenn hier keine Adventsstimmung ist. Das Konzert vom Gospelchor werde ich vermissen und wünsche trotzdem allen eine friedliche gesegnete Weihnachtszeit!

20131128-175200.jpgSelina – eine meiner „Mitbewohnerinnen“