Habt Ihr Strom?

Das ist eines der derzeit am meisten gefragten Sätze unter Nachbarn und Bekannten. Und impliziert gleichermassen die Frage nach „habt Ihr somit Internet, Wasser, Fernsehen, Kühlschrank?“, denn das alles fällt auch mit dem Strom aus. Man kann dann ein Stündchen schlafen oder bei Kerzenlicht Shisha rauchen oder woanders hingehen. Wenn man aber mitten im Teammeeting und Skype Konferenz mit Dubai ist, dann nervt es. Andererseits ist es aber auch nur halb so schlimm denn im Meeting mit Dubai sollte eigentlich noch Libanon mit dabei sein, die haben aber auch gerade nur unregelmässig Strom und somit kein Internet, Wasser, Kühlschrank… . Sehr spannend alles und ganz schön anstrengend.

Kalt ist es diesen Winter hier. Ja, 9 Grad sind kalt. Ohne Heizung, nur mit warmer Luft pustender Klimaanlage falls man Strom hat, ohne Doppelverglasung, dichten Türen und einer Wohnbauweise die der deutschen ähnelt. Dann sind 9 Grad ganz schön kalt, vor allem wenn tags die Sonne ausbleibt und es neblig grau ist. Ungemütlich. Ich bin so froh, dass ich Mamas Schlafsack derzeit in Kairo habe in den ich mich einmummeln kann. Aber wenn man so kurz vor sechs dann aufsteht, dann ist alles kalt. Und ich meine nicht nur die Luft. Alles, was man anfasst – jeder Tisch, jede Tasse, jeder Griff an Schrank oder Schublade – brrrr.

Trotzdem – die Schule hat vor über einer Woche wieder angefangen und ohne früh aufstehen geht es leider nicht. Die Klassen haben gewechselt in der Mittelschule. Jahr 9 hab ich noch gar nicht gesehen, letzte Woche mussten die Strafarbeit machen, heute ist Vorbereitung für die morgige Prüfung. Mit 7 und 8 ist es derzeit fein, aber wir machen auch nur Music Activity, keinen Unterricht wie wir in Deutschland Musikunterricht verstehen. Das ist einerseits gut weil es den Kindern gefällt und somit die Eltern glücklich sind und weiterhin gerne Schulgeld bezahlen. Andererseits funktioniert doch so die Welt nicht. Wer zahlt schafft an ok, aber solange Bildung ein Business Case ist und alles getan wird, um Eltern glücklich zu machen, geht es mal haarscharf an guter Ausbildung vorbei. Weil nicht um der Inhalte gelehrt wird sondern um der Zertifikate, Belobigungen und Auszeichnungen auf denen steht „mein Kind ist toll“. Ob das Kind was gelernt hat oder nicht, wird nicht hinterfragt. Immerhin hat es ja einen Zettel auf dem steht dass es das kann. Aber das ist etwas, was ich nur in kleinem Rahmen lösen kann. Music Activity nicht als stumpfsinniges Nachmachen unterrichten, sondern Schritt für Schritt Fertigkeiten und Verständnis aufbauen. Unser derzeitiges Instrument sind zersägte Besenstiele als Rhythmus Sticks und damit lässt sich eine ganze Menge sinnvoller Dinge machen. Koordination, Zusammenspiel, Rhythmus und Takt, Metrum etc. Auch, wenn es die Schüler so nicht wahrnehmen. Wie sagte Oma Engel mal so schön – wenn nur eines von hundert etwas mitnimmt, dann ist es keine verlorene Zeit.

Zur Christmas Show haben drei SchülerInnen etwas auf dem Klavier vorgespielt. Das Niveau war eher mässig, die Unterlagen eine Frechheit. Schmierzettel auf denen der Lehrer was hingekritzelt hat.
Den Ausbildungsstand meiner Musiker in den Bands kenn ich ja auch und es gibt in diesem Land immer noch genügend Menschen mit Geld und dem Wunsch auch nach kultureller Bildung.
Anstatt alleine Musikunterricht auf Klavier oder Flöte zu geben, gründe ich nun gerade die govad MUSIK & ART School. Oder Academy. Zusammen mit einer Freundin die Kunstlehrerin ist und mein Bruder ist ebenfalls ein guter Ratgeber. Mit der Deutschen Botschaft bin ich in Kontakt, ebenso mit Deutschen Schulen sowie dem Verband der Deutschen Musikschulen.
Unterricht anbieten nach deutschem Lehrplan und Vorbild. In die Schulen gehen und mit denen kooperieren. Prüfungen der Royal Music Academy auf Wunsch anbieten, die sind hier verfügbar. An einer Lösung für Leihinstrumente und eigene Räume arbeiten. Ab März bis Sommer mit kleiner Lösung anfangen und dann ausbauen.
Das ist dann nicht nur sinnvolle Arbeit, sondern hat auch noch einen Business Case. Dann wird meine Idee von einer Art govad Haus vielleicht doch nochmal wahr. Cool.

Allerdings ist es schwer, qualifizierte oder gar professionelle Lehrer zu finden. Genauso, wie arbeitende Ägypter die im govad Team mitarbeiten. Klar will jeder dabei sein. Der Name Wacken ist attraktiv. Allerdings erwarte ich, dass Aufgaben komplett und pünktlich erledigt werden. 5 Leute haben zur Probe gearbeitet, nicht einer hat seine Aufgaben erledigt. Ich kenn es ja noch von Nokiasiemens, da wird im Büro auch mehr Kaffee getrunken, Facebook und geraucht. Aber so bekommt man halt nichts erledigt.
Von der „ich habe ein working govad team“ habe ich mich nun verabschieden müssen und mache die Dinge alleine. Frage dann lediglich für kleine konkrete Aufgaben um Hilfe und das möglichst bei Foreignern. So leid es mir für die Ägypter tut. Mit bokra inshallah wird das leider nichts und die jetzige Generation hat Eigeninitiative, Eigenverantwortung und sich um etwas kümmern müssen anscheinend nicht gelernt. Nicht ganz verwunderlich wenn man bis zur Ehe bei Mama wohnt und danach immer noch zur Mama läuft wenn irgendwas ist. Und zudem in einem patriarchischen Staat lebt. Ohne viel Perspektiven trotz Studium, das aber oft auch nicht viel taugt und Visabestimmungen, mit denen nur Reiche das Land verlassen können oder diejenigen mit ausländischer Staatsbürgerschaft.

Lustige Jobs gibt es hier. Aufzugknopfdrücker. Sitzt den ganzen Tag im Aufzug und wenn einer kommt der wo hin will, drückt er den Knopf für die Leute. Kaffeekocher. Ich war bei den Stromwerke in Kairo. Um meine Rechnung zu checken. Meine Güte, so müssen Bürostuben in den 50igern ausgesehen haben. Und überall stehen Leute rum, die nichts machen. Meine Stromrechnung – wenn ich das richtig kapiert habe, hatte ich zu viel gezahlt – lag in einer Schublade. In einem Stapel anderer Rechnung, zusammen gehalten mit einem Gummiband. An einem anderen Schreibtisch sortierte gerade ein Mann einen Stapel um ihn gummibandfertig zu machen. Mich wundert nichts mehr. Also Kaffeekocher fragen morgens die Leute die im Büro rumsitzen was sie trinken möchten, kochen und bringen das dann und warten dann, bis jemand noch einen Kaffee möchte. Das ist alles. Es gibt auch Moushrifas in Schulen die auf dem Flur sitzen und die Klimaanlagen in den Klassenräumen an und ausschalten. Und Schreier, die in der offenen Bustür stehen und laut rufen wohin der Bus fährt. Dann gibt es Kaffeeverkäufer auf der Strasse. Die find ich ja wohl cool. Die Taxifahrer haben eine Tasse im Auto, fahren zu dem Kaffeeverkäufer, der spült die Tasse mal schnell in einer Schüssel aus, also schwenkt sie mal durch das Wasser, gibt ihm dann einen Kaffee und gut ist. Strassenverkäufer gibt es viele. Kekse, Taschentücher, Putzlappen, Gummispiderman und was sich sonst so findet verkaufen laufende Händler dort wo es auf der Ring Road Stau gibt. Stehen auf einer 3-5 spurigen Strasse und halten Dir die Ware vor die Nase. Manchmal ist Waser, ein paar Kekse oder Taschentücher wirklich hilfreich. Das klingt alles witzig, bedeutet aber für die Leute alltäglicher Kampf um das wirtschaftliche Überleben. Jedenfalls sind die armen Menschen sehr kreativ, oft wirklich fleissig und total nett und hilfsbereit. Natürlich gibt es auch bei denen einfach Doofe. Aber auch ganz viele nette Leute. Bei den anderen auch – aber von denen erwarte ich einfach aus der gesellschaftlichen Stellung heraus einfach schon mehr. Das sollte ich mir mal abgewöhnen.

So nimmt das neue Jahr seinen Lauf. Spannend, anstrengend, herausfordernd, kalt aber auch mit neuen Projekten und immer wieder schönen Überraschungen.

Dass ich die Wohnung in München nicht mehr habe, das weiss ich zwar, habe es emotional aber noch gar nicht begriffen. Ich habe in den paar Tagen auch nur drei Leute für Umzug, Motorrad und Orchester getroffen. Entschuldigung an dieser Stelle an alle, die erwartet haben dass ich mich melde. Dazu war leider überhaupt keine Zeit.

Ich kann mir im Moment auch nicht vorstellen, nicht hier zu sein. Manchmal aber ist es so anstrengend, dass ich mich dann schon frage warum ich das hier eigentlich alles mache. Bis ich dann mit Shisha am Nil sitze. Dann fällt es mir meistens wieder ein. Oder wenn ich per Zufall downtown im Cafe neue Musiker treffe wie heute, als jemand zufällig das Wort „Saxophone“ erwähnte und wir ins Gespräch kamen. So kann Kairo eben auch sein.