Die tägliche Stunde Stille in Kairo

Heute hat Ramadan begonnen. Die Zeit des Erneuerns, wenn man es positiv ausdrücken möchte. Zeit des Fastens und des Innehaltens.

Die Realität sieht aber oft so aus, dass tagsüber während des Fastens geschlafen wird, und zwischen Fastenbrechen und letztem Morgenfrühstück in der Dämmerung wird gegessen, oft unverhältnismässig viel, und Party gemacht, oft unverhältnismässig laut.

Den Schülern einer fünften Klasse habe ich heute erklärt, dass schlafen und nichts tun nicht der Sinn des Fastens sei. Trotz des Alltags das Fasten einhalten, das sei die Herausforderung. Ansonsten faste ich ja das ganze Jahr, und zwar täglich von 23.00h bis morgens um halb sechs, da schlafe ich nämlich. Die Fastenzeit zur Schlafenszeit zu erklären, sei nicht Sinn der Sache. Ob sich das jemand zu Herzen nimmt, weiss ich nicht.

Mein persönlicher Ramadan gestaltet sich mit bewusster Ernährung. Joghurt, Obst, Gemüse, Reis, Huhn. Die Stunden in der Schule sind Ramadan bedingt verkürzt, und so bleibt ein wenig mehr Zeit für mich selbst.

Es gibt eine Stunde derzeit, die ich momentan sehr geniesse. Wenn das Gebet zum Fastenbrechen fertig ist, dann kehrt in Kairo eine Stunde Ruhe ein. Fast menschenleere Strassen. Aus den Häusern hört man das Klappern von Geschirr, in manchen Hauseingängen sieht man Leute auf dem Boden sitzend essen. Hier in der Nachbarschaft, im sogenannten Baladi.

Alles ist geschlossen, alles dunkel. Nur die dünne Mondsichel ruht rücklings am Abendhimmelt, begleitet vom Abendstern.

Die perfekte Zeit, durch die Strassen zu schlendern, in Häuser zu blicken, spazieren zu gehen oder Rad zu fahren. Ich habe mich heute für Einkaufen entschieden, denn ich konnte unbekümmert die mehrspurige Strasse überqueren.

Nach einer guten Stunde ist die Besinnung dann vorbei. Die Leute kommen nach und nach wieder aus ihren Häusern, die Strassen füllen sich mit Autos, Hupen, Mopeds, tobenden Kindern und dem Nachtgebet, das lautstart mit Lautsprechern über die ganze Stadt kommuniziert wird.

Ramadan Kareem – egal ob in Stille oder mit Geschrei und Gehupe, hoffen wir auf eine friedliche Zeit.