Das Ding mit der Jogginghose

Ich bewege mich zwischen Alltag und Herausforderung. Wobei der Alltag mit einer gewissen Frustration verbunden ist. Und wobei die Herausforderung mit einer gewissen Frustration verbunden ist. Frust im Alltag deswegen, weil, wenn jemand eine gewisse Position erreicht hat, die Person quasi autokratisch regieren kann. In der Herausforderung deswegen, weil, wenn jemand eine gewisse Position erreicht hat, die Person quasi autokratisch regieren kann. Und das „Klappe halten“ ist einfach nicht mein Ding. Das wurde von uns auch nicht gemacht. Es wurde geschrieben, gesprochen, besprochen, mitgeschrieben, angemerkt, informiert, diskutiert und das Ergebnis ist quasi Null. Und es ist so ein ohnmächtiges Gefühl, immer wieder vor die Wand zu laufen. Während diejenigen, die die entsprechende Position zu handeln hätten, einfach dasitzen und die drei Affen spielen nach dem Motto: Hauptsache mir geht es gut. Nachdem ich – zumindest derzeit – nicht persönlich betroffen bin, bevorzuge auch ich die Position „Klappe halten“. Manchmal fühle ich mich dabei auch wie ein Affe und finde das schändlich. Kann es aber noch aushalten, denn meine eigene Handlungsfähigkeit ist sehr begrenzt. Und ich habe für mich persönlich eine Lösung gefunden.

Interessanter ist die Herausforderung des Schreibens. Ich musste fast lachen, als ich heute im neuen Lernheft las: „Die Presse hat zwei Aufgaben: Einerseits ist sie zu umfassender und wahrheitsgemäßer Berichterstattung verpflichtet, damit eine konkrete Meinungsbildung bei den Bürgern möglich wird. Andererseits haben Journalisten verfassungsrechtlich ebenfalls die Aufgabe, das öffentliche Leben im Allgemeinen und die Politik im Besonderen kritisch und durchaus meinungsbetont zu begleiten“. Es geht in diesem Lernheft um professionelle Kommentare. Es ist ein deutsches Lernheft, womit alles gesagt ist.

Inmitten all dieser Gedanken das Tagesgeschäft. Unterricht. Konzerte. Karneval an der Schule. Eigentlich geht Karneval hier ja gar nicht. Die Kostümierung der Karnevalsvereine eine Persiflage auf das Militär, die Narrenkappe als Freiheit, auszusprechen, was man denkt, aber eigentlich nicht sagen darf. Wie absurd. Die Grundschüler sind jedoch von tiefer gehenden Gedanken weit entfernt und hatten ihren Spaß beim Verkleiden und Feiern.

Karl Lagerfeld soll gesagt haben: „Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren“. Der Ausdruck dieses Zitates hängt derzeit überall bei uns in der Schule, denn Jogginghose ist so das Standardoutfit der Mehrzahl der Schülerinnen und Schüler. Für Deutsche wirkt das respektlos. Schluffig, was gleich auf die Gesamthaltung der Schüler übertragen wird. Andererseits kam gleich ein Gegenstatement eines Kollegen in Facebook, gegen Mode und Outfit als gesellschaftlichen Zwang.

Das mit der Jogginghose habe ich heute als Karnevals-Verkleidung ausprobiert. Also ich kam als Schlafmütze mit meinem Winter-Schlafoutfit. Puschen mit einem Einhorn darauf, lange Leggings, langes Shirt und ein Fleece. Auf der Strasse zur Schule anstatt Puschen die Crogs.

Mir war der Schulweg sehr unangenehm, ich kam mir komisch vor. Aber da war ich auf dem Schulweg auch die Einzige. Und genau das ist die Crux. Immer und immer wieder schreibe ich es hier. Es ist unser Problem, ein deutsches Problem. Zu spät kommen ist unser Problem. Müll auf den Strassen ist unser Problem. Schmutzränder nach dem putzen, Farbklekse nach dem streichen, alles deutsche Probleme. Die Ägypter, die können das. Ich erinnere mich, diesen Satz des öfteren geschrieben zu haben und komme auch immer wieder zurück auf „lernen ohne zu bewerten“ was ägyptische Gewohnheiten angeht.

Komisch kam ich mir auch in der Pausenaufsicht vor, doch ich kam aufgrund meiner „Verkleidung“ mit den Schülern ins Gespräch. Für sie sind Jogginghosen als Siebtklässler kein Statement, kein Ausdruck. Jeans kleben wenn es warm ist und wenn man im Bus sitzt, Jogginghosen sind bequem. Das ist alles. Und es ist so einfach. Kleidung als Ausdruck von Persönlichkeit oder als Respekt dem Gegenüber gegenüber, das ist keine Schülersichtweise. Und ich kann sie ein bißchen verstehen. Ich stehe um 5:45h auf und wohne quasi um die Ecke. Wer um diese Zeit bereits im Schulbus sitzt, hat inzwischen mein volles Verständnis für bequeme Kleidung.

Meine Generation ist groß geworden mit „zieh Dich ordentlich an“ und die Generation davor kannte noch Sonntagskleider. Wenn Schule heute auch bequem sein darf, dann bitteschön. Mein Ding ist es nicht. Ich find mich schick cooler und ausdrucksstärker. Aber ich muß zugeben, dass ich in meinem Schlafoutfit heute dann gleich auch Mittagsschlaf gemacht habe und danach mit genau diesem Outfit wieder auf die Straße ging.

Nur nach gegenüber zum Kiosk. Ich fand das für mich sehr progressiv. Und ärgere mich oft über meinen „zieh Dich ordentlich an“ – Modus, der oft auch den oben genannten Alltagsfrust mit gestaltet. Meine Künstlerfreundin ist mir dann immer ein wichtiges Gegenüber, mich an Kairo zu erinnern und auch in Kairo und nicht Deutsch zu leben. Dass ich hier wählen kann zwischen Jogginghose und Designerklamotten. Und dass ich das derzeit viel zu selten nutze und mir damit oft selbst im Weg stehe.

Die Geschichten in Kairo liegen auf der Strasse und ich sollte endlich anfangen, sie auch einzufangen und nicht länger zusehen, wie andere es vor mir tun. Dazu wäre es hilfreich, meinen „zieh Dich ordentlich an“ – Modus öfter abzulegen. Kaum habe ich mir das wieder einmal vorgenommen, klingelt es an der Tür. Die ägyptische Nachbarin Mariam stellt sich vor und hat etwas organisiert. Synchronizität nennt sich das. In Kairo zuhause. Und es bleibt spannend.