An der Grenze, nahe am Limit

Dass Kairo anstrengend ist, das ist nicht neu. Der Verkehr, die Hitze und der Sturm, der andauernde Staub, die vielen lauten Menschen und und und. Dafür ist Kairo bunt, immer wach, vielfältig und spannend.

Eine Grenze des Möglichen brachten mich in den letzten Wochen jedoch Dinge, die dazu kamen und an sich alleine schon eine Herausforderung sind. Das Schlimme daran ist, dass das alles nicht nötig wäre, wenn sich Mitmenschen ein bisschen Mühe bei ihrer Arbeit geben würden. Es wäre ja auch nicht schlimm, wenn alle hier mit der ägyptischen Einstellung hier arbeiten. Aber dann darf man sich halt nicht auf die Fahnen schreiben, man wäre ein internationales Unternehmen und eine westliche Lebensqualität erwarten. Ägyptisch arbeiten aber europäisch leben, das geht sich nicht aus, will man hier oft aber nicht wahrhaben.

Seit zwei Wochen nun bin ich offline und nur mit teurem und langsamen mobilen Netzwerk online. Dann funktioniert die Klimaanlage im Schlafzimmer nicht. Die HSBC Bank hatte aufgrund eines Netzwerkfehlers der Bank im Automaten meine deutsche Kreditkarte verschluckt. Ja und? Nun ja, wäre ja alles nicht so schlimm, wenn Vodafone klar gesagt hätte, wir stellen auf Fiberglasleitung um, Sie sind jetzt ein paar Tage offline. Wenn der Klimaanlagentechniker auch an anderen Tagen als Samstag arbeiten würde, insbesondere bei 44 Grad offizieller Temperatur in einer Dachgeschosswohnung. Und wenn die Bank sich Mühe geben würde, ihren Fehler schnell und kundenfreundlich zu korrigieren und die Karte unverzüglich zurück zu geben.

Dem war aber nicht so. Über zwanzig Telefonate mit einer dummen und unverschämten Hotline, zig Beschwerdemails und Telefonate mit der Bank inklusive Telefonate mit der Botschaft und einem Rechtsanwalt und und und. Und das an einem langen Wochenende, an dem man sich eigentlich einmal ausruhen sollte. Stattdessen nervenaufreibende Situationen, die einfach und schnell gelöst werden können, wie sich mit viel Beschwerden und Druck dann ja herausstellte. Nicht zu wissen, wer meine einzige deutsche Kreditkarte hat mit der ich überhaupt Flüge buchen kann, wann und wo ich sie zurück bekomme, das war das Tüpfelchen auf dem i. Natürlich fiel an dem Tag neben Imternet auch noch der Fernseher aus und ein heisser Sturm verwüstete mal wieder meine Ruheoase, meine Terrasse. Wenn, dann kommt alles auf einmal.

Neben Beruf und Alltagsdingen wie Wäsche waschen und den Geschirrspüler einräumen, kommt man dann zu nicht mehr viel. Lernen, lesen, schreiben, ausgehen fällt alles aus. Es prasselt so viel von aussen ein, dass man in kurzen Pausen nur noch erschöpft einschläft. Am Limit des Machbaren, an der Grenze des Erträglichen.

Jede Anfeindung auf der Strasse, jeder unverschämte Taxifahrer, jeder blöde Kommentar – alles, was man mit guter Laune irgendwie hinnimmt, kann das Fass zum überlaufen bringen. Auf der einen Seite war es gut, dass keine Schule war, weil diese Anspannung dann nicht mit in die Schule musste. Auf der anderen Seite war es schade, dass keine Schule sondern langes Wochenende war, denn somit war ich mit all dem oft alleine.

Im Unterricht bin ich ganz bei den Kindern und zu 99% mit viel Begeisterung – ich, die Kinder nicht immer alle – dass ich dann alles andere in den Stunden vergesse. Ein Gespräch mit Kollegen hilft auch immer.

Überhaupt ist das einzig Mögliche in so einer Situation, sich Gleichgesinnte zu suchen. govad Kollegen von mir sind auch online. Orange ist auch nicht besser als Vodafone. Die Expat Women kennen alle ähnliche Situationen und wissen, wie man damit umgeht. Und – und das muss man den Ägyptern auch lassen – die Guten hier in diesem Land, sind unendlich hilfsbereit. Gottlob kenne ich nun auch davon einige. „We are friends“ bedeutet hier im Alltag nicht viel weil der normale Alltag schon so viel Raum einnimmt und dann haben die Ägypter ja noch ihre Familienverpflichtungen. Aber ich hätte auch diejenigen von den Netten jederzeit anrufen und um Hilfe bitten können. Das ist etwas, was mir völlig fremd ist. Zum einen, gelegentlich auf Hilfe angewiesen zu sein, zum anderen, diese Hilfe aber auch zu erhalten. Für mich als selbständige, erwachsene Frau total ungewohnt, anfangs ein bisschen peinlich weil so ungewohnt, inzwischen manchmal dankbare Erleichterung. Lernen, Hilfe zu erbitten und anzunehmen, zum Beispiel wegen der Sprache. Eine neue aber meist sehr positive Erfahrung.

Es machen wie E.T. geht auch – nach Hause telefonieren. Mit Menschen sprechen, die man länger kennt als ein paar Monate und die die gleiche Muttersprache haben. Wo man nicht viel erklären muss. Wo man einfach mal vertrauen und frei reden kann. Ach, das war schön.

Es ist unheimlich, wie banal das klingt, wenn man es aufschreibt. Es ist erstaunlich, was man alles schaffen und bewältigen kann. Es ist schön zu wissen, wo die manchmal notwendigen helfen Hände und offenen Ohren zu finden sind.