Alles neu macht der Mai

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Und der ist auch schon wieder vorbei. Und Neuigkeiten gibt es wirklich viele, die ich wahrscheinlich hier alle gar nicht zusammenfassen kann inklusive der immer noch vielen wundersamen Eindrücke in Kairo hier.

Im Februar bin ich umgezogen. In eine wunderschöne Wohnung mit Dachterrasse in Mohandessin. Allerdings ist es auch hier derzeit viel zu heiss. Die offizielle Temperatur liegt derzeit bei so 40 Grad, wie warm es dann in der Sonne ist, will ich gar nicht wissen. Solange dabei ein bisschen Wind geht, gefällt es mir eigentlich, aber wehe der Wind bleibt aus. Hat es aber Wind, dann gibt es Sand Sand Sand. Immer und überall. Da kann man wischen und putzen so viel man will, spätestens in zwei Tagen sind Badezimmer, Möbel und Boden wieder mit einer hauchdünnen Sandschicht bedeckt. Dann fängt man eben wieder von vorne an. Nix mit Staubtuch sondern mit einem Federpuschel. Die einzige Möglichkeit, dem Sand wirklich Herr zu werden. Feucht abwischen was ich ursprünglich mal für clever hielt verteilt den Sand nur noch mehr und der kriecht wirklich durch jede Ritze.

Wifi und Strom sind derzeit ein Problem. Im Februar hatte ich gar kein Wifi weil Vodafones Aussage „will be ready in 10 days“ sich auf einige Wochen hinzog. Ägyptische fpnf Minuten klnnen ja auch schon mal eine Stunde dauern und wenn jeman „on my way“ ist bedeutet das nicht, dass er im Auto oder sonstwie unterwegs ist. Möglicherweise bezeichnet das lediglich die Absicht, sich demnächst mal auf den Weg zu machen. Wenn man fertig ist mit der Erledigung diverser Dinge die noch zu tun sind und nach einer mehr oder weniger schnellen Dusche.
Seit einigen Monaten haben wir täglich mindestens für eine wenn nicht gar mehrmals für eine Stunde Stromausfall. Nachdem wir hier fast ausschliesslich mit Gas kochen – wunderbar übrigens – kann man sich dann wenigstens noch einen Kaffee oder Tee machen. Wenn man im Dunklen etwas sieht. Kein Strom bedeutet natürlich kein Licht. Aber auch kein Wifi und kein Wasser. Im Moment schreibe ich auch offline auf dem iPad mit dem Rest Batterieladung von 22%. Kein Wasser deshalb, weil die Wassertanks auf dem Dach sind und das Wasser dort hochgepumpt wird. Kein Strom, keine Pumpe, kein Wasser. Oder nur soviel wie noch im Toilettenspülkasten und lokalen Küchentank, na sagen wir Tänkchen übrig ist. Da kommt man dann so gegen halb vier nachmittags nach Hause und ruht sich ein wenig aus oder gönnt sich eine Nachmittagsshisha und will dann loslegen mit emails oder Facebook oder sonstiger Arbeit am PC und zack ist plötzlich der Strom weg. Na bravo. Glücklich der dessen iPad noch Batterie hat, laden geht ja auch nicht, und am iPad lesen kann. Wie ein Land mit so viel Sonnenkraft Energieprobleme haben kann, ist mir ein Rätsel. Aber wie die meisten Dinge hier hat das nichts mit Kompetenzen zu tun, sondern es geht um Geld Geld Geld. Genauso wie die Versorgung mit Weizen. Entlang des Niles ist Ägypten ein fruchtbares Land, aber es bringt ja Provision für gewisse Leute, wenn man den Weizen anstatt anzubauen importiert. Wie so viele Dinge hier einfach unfassbar. Mal schauen, ob unser neuer Präsident Sisi es schaffen wird, das Land auf Vordermann zu bringen im Laufe der Zeit oder sich nur um sich selbst sorgt. Zu tun hat er jedenfalls genug.

Im April habe ich trotz Osterferien an akutem Schlafmangel gelitten. Denn Anfang Mai habe ich tatsächlich den ersten Metal Battle, einen Bandwettbewerb für Wacken, in Ägypten realisiert. Und nach zehn Jahren in denen es den Metal Battle gibt, ist es das erste Mal, dass ein Land und eine Band aus Middle East, also dem Nahen Osten, dabei ist. Eigentlich richtig cool, dass ich das geschafft habe aber das war wirklich nicht einfach. In einer Männer dominierten arabischen Kultur das auf die Beine zu stellen. Was ich hier alles erlebt habe, reicht für ein ganzes Buch das ich ja immer noch schreiben will. Jedenfalls hat er erfolgreich – mehr oder weniger – stattgefunden und Ende Juli fliegen wir mit der Gewinner Band und einigen Jury Mitgliedern nach Deutschland um Backstage im VIP Bereich beim Wacken Festival dabei zu sein. Wow das wird was…

In der heissen Vorbereitungszeit jedenfalls gab es mindestens!!! zwei bis drei Mal am Tag für eine Stunde Stromausfall. Bis halb vier war ich in etwa täglich in der Schule. Dann galt es Dinge zu erledigen. Und in einer so riesigen Stadt wo alles dezentral verteilt ist, es sei denn, man fährt in eine Mall die ich aber nicht leiden kann, kann eine Kleinigkeit schon mal Stunden Zeit in ßanspruch nehmen. Wo z.B. bekommt man Druckertinte zu einem halbwegs ordentlichen Preis oder Badges für die Bandausweise? Selbst die Ägypter wissen das nicht immer für Dinge die man nicht täglich braucht. Eine elendige Sucherei und Rennerei. Das galt es also alles zu organisieren. Bei Stromausfall habe ich eine Stunde geschlafen. Danach wieder aufgestanden und weiter gemacht. Beim nächsten Stromausfall wieder eine Stunde geschlafen und dann nochmal weiter gemacht. Mails schreiben, Projektpläne updaten, Poster und Flyer designen, mit Wacken abstimmen, mit den Bands organisieren, mit dem Venue absprechen, Sponsorendinge klären und und und. Schön ist, dass man die Leute hier auch ohne weiteres noch abends um zehn oder später anrufen kann. Interviewanfragen nachts um eins wundern mich jedenfalls nicht mehr… Irgendwann dann schlafen gegangen und der Wecker für die Schule geht morgens um 5.45h. Huiuiui. Die Tatsache, dass ich dachte, alles geklärt und vorbereitet zu haben, hat mich aber nicht davor gefeit, auf ägyptische Unarten am Eventtag selbst zu stossen. Zwei Bands kamen mehrere Stunden zu spät, Red Bull als Sponsor für den Backstage Bereich war ein totaler Reinfall und der Stage Manager, mit dem wir alles abgesprochen hatten um den Soundcheck pünktlich um 12.00h zu starten, kam gar nicht. Er hat mir zwar mehrmals am Telefon gesagt, er ist „on my way“ und „I am there in 5 minutes“. Später erfuhren wir aber, dass er kurzfristig auf einem anderen Event war. Der Soundcheck war ein Desaster, aber bei 40 Grad blieb uns nichts anderes übrig, als das ganze irgendwie mit Humor zu nehmen und zu improvisieren. Meine Nerven… Na jedenfalls könnte ich noch zig weitere Stories erzählen, aber gerade ging der Strom wieder an.

Als erstes habe ich mal die Mülltüte rausgestellt, in der Küche habe ich nämlich gerade einen kleinen flinken Mitbewohner von dem ich hoffe er ist ein kleiner Gekko der meine Mücken frisst und keine Kakerlake – aber nur mal vorsichtshalber. Blumen giessen muss ich noch. Und die website updaten. Seit 1. Juni also seit heute ist aus AGENTUR govad nämlich govad MUSIC geworden, siehe dann ab morgen www.govad-music.com. Doch dazu ein anderes Mal.

Schlafenzeit ist, wenn der Mond hinter den Häusern verschwindet, wir haben hier nämlich auch Monduntergang, genauso wie wunderbare Sonnenuntergänge, besonders zu empfehlen auf meiner Dachterrasse. Die ist sowieso derzeit mein Wohnzimmer mit einer Sitzecke, ein altes Sofa mit zwei Stühlen, ein Teppich mit Kissen und ein Schlafsofa als Megaliege auf der ich immer herumlümmel.

Morgen früh dann wieder Schule. Toi toi toi da läuft es im Moment ganz gut. Vor allem seitdem ich mich von der Idee verabschiedet habe, ich würde an einer deutschen Schule unterrichten. Es ist ganz klar eine ägyptische Schule an der nur mehr oder weniger zufällig auf deutsch unterrichtet wird. Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad und Hab ne Tante in Marokko höngt mir genauso zu den Ohren raus wie der Happy Song. Aber es macht Spass. Vor allem wenn die Knirpse ihre Liederbücher mitbringen und zu den Liedern dann rasseln oder beim „und sie schisst mit zwei Pistolen“ das piff paff mit Klangstäben spielen. Ganz wild sind alle auf die Triangel. Und auf das Trommeln auf umgedrehten Mülltonnen zum Happy Song. Man kann ja nicht immer nur altbewährte deutsche Kinderlieder singen.
Nummer eins in der ägyptischen Hitparade ist derzeit Boushret Kheir, ein Song mit tollen Bildern der die Schönheit und Fröhlichkeit Ägyptens zeigt. So sind sie nämlich auch, die Ägypter – stolz auf ihr schönes Land, fröhlich und musikalisch. In diesem Sinne – hier ist der Link:

http://youtu.be/QUBvVTNRp4Q