Kein Weihnachten in Dokki

Weihnachten und Weihnachtszeit in Kairo, das ist so eine Sache. Eigentlich ist hier kein Weihnachten. Ich war beim shopping in downtown, mitten in der Stadt. Schuhe kaufen und Fake Handtaschen. Macht Spass, ägyptisch einzukaufen. Die meisten Schuhe stehen im Schaufenster und dann kommt jemand mit Dir raus und sucht dann irgendwo Deine Grösse und dann kannst Du anprobieren. Viel Plastik dabei und die Handtaschen sind Fake. Dafür ist mit dem derzeitigen Eurokurs günstig einkaufen. Mir sind ja die kleinen Schusterläden lieber. Einen davon in Dokki. Der hat, was er hat – in Grösse und Farbe. Was er nicht hat, gibt es nicht. So einfach ist das. Ich wollte diesmal aber downtown, denn ich kam an all den Läden vorbei, als wir Marianne besuchten und die wohnt downtown. Von Weihnachten war da nichts zu merken. Keine geschmückten Strassen oder Läden. Nicht wie an Ramadan, wo es überall Lametta und Lichter gibt. Ich fand das aber schön, denn schliesslich war ich downtown in Kairo.

Wer Weihnachten in Kairo möchte, der kann das auch haben. In den europäischen und amerikanischen Kulturkreisen.  Unsere Schule beranstaltet jeden letzten Freitag im November einen Weihnachtsbazar. Das ARD hat davon berichtet und man war ein wenig unglücklich darüber, dass der soziale Hintergrund nicht so richtig zur Geltung kam. Weihnachtsstimmung hatte ich absolut null. Lustig war es, denn alles stürzte sich auf die angebotenen deutschen Produkte. Adventskalender, Wein, Spekulatius und Dominosteine. Sowas. Ich habe mir zwei Gläser selbstgemachtes Sauerkraut – von den Schwestern der Boromäerinnen – und Dominosteine geleistet. Am Grillstand gab es Bratwurst und Kartoffelsalat am Fliessband. Über das Sauerkraut habe ich mich gefreut, alles andere vermisse ich nicht. Mir ist auch egal, dass Nutella sehr teuer geworden ist. Nun gut. 

Mein Weihnachten fand statt in Konzerten. Mit der Cairo Choral Society. Das war schön mit Orchester und Solisten und spannend weil wir eine Aufführung im neuen Campus der AUC (Amerikanische Universität) hatten. Das Gelände ist schon nicht mehr Kairo sondern in der Wüste am Stadtrand, aber wo ist derzeit Kairo noch Kairo ausser rund um den Nil bei 20 Millionen Einwohnern. Imposant war das Gelände, aber derzeit wäre das da draussen nichts für mich. Unser Schulweihnachtskonzert war auch schön, vor allem habe ich mich über meine Musik AG gefreut. Ein schönes Konzert aber Weihnachtsfreude wardas nicht, ehr die Freude über ein schönes Konzert.

An Heiligabend habe ich im ökumenischen Gottesdienst gespielt – auf dem Kindergartengelände der Boromäerinnen. Das war merkwürdig. Denn ich ging schick angezogen durch die Strassen Dokkis mitten durch den ägyptischen Alltag. Spielte dann Weihnachtslieder rund um ein Krippenspiel und dann ging es zurück in den Alltag. Später auf dem Weg zur Kollegin vorbei an den Autowerkstätten in meinem Viertel zum Taxi. Truthahn essen mit Rotkohl, sehr lecker und erzählen unterm Weihnachtsbaum. 

Alles sehr schön, alle Treffen und Kaffeetrinken bei Kerzenschein und Gottesdienste sehr schön. Aber ein hurra es ist Weihnachten kam bei mir nicht auf – aber ich hab es auch nicht vermisst.

Herbsttag

Das Wetter ist schön geworden und die Tage kürzer. Anfang November und auf dem Balkon blüht es wie im Frühjahr. Bereits ab Mittag gibt es angenehmen Schatten, und die Sonne brennt nicht mehr so. Auf dem Balkon sitzen wir jetzt meist zu zweit. Ich dachte eigentlich, ich suche mir wieder ein Zimmer in Zamalek. Immer alleine in Kairo ist anstrengend und immer nur Kollegen muss ja auch nicht sein. Ich erinnerte mich an die gute Zeit mit Magdalena und nun bin ich froh, dass ich nicht umziehen muss und trotzdem jemand zuhause ist. Bis März erstmal. Ausserdem gibt es einen Relaunch von govad MUSIC, und auch dafür habe ich einen Partner gefunden. Den Metal Battle wird es aufgrund der derzeitigen wirtschaftlichen und politischen Situation erst in 2018 wieder geben, es ist daher Zeit für Neues mit einem Business Case. Mit dem Chor hatten wir einen wunderschönen Probentag im Swiss Club mit Garten und Bratwurst, Konzerte sind Anfang Dezember. Kairo ist wieder schön und weniger anstrengend. Aber diese Idylle trügt. 

Für morgen, Freitag, den 11. November, sind landesweite Demonstrationen angekündigt. Plätze wie Zamalek werden bereits vom Militär gesichert, Tahrir Platz soll bereits geschlossen sein. Es gehen Gerüchte um, dass ab heute Abend bereits eine Ausgangssperre verhängt werden soll, doch das kann auch nur mediale Angstverbreitung sein. Ich habe am Samstag einen Termin im Musikstudio und fragte meinen Kollegen dort, ob er denn meint, dass Samstag dann wieder ruhig sein wird oder ob etwas passiert? Seine Antwort war: Es wird nichts passieren. Und wenn doch, Monika, dann machst Du nur noch eines – ins Flugzeug und ab nach Deutschland. Also entweder bleibt es ruhig, oder es knallt gewaltig. Angeblich, und man muss wirklich immer angeblich sagen, denn ich kann nur die englischen Übersetzungen jeweils wirklich lesen, machen die Muslimbrüder gegen das Regime mobil. Alles wird teurer, einiges wird knapp, das ägyptische Pfund verliert im Vergleich zu sogenannten harten Währungen täglich an Wert. Geht man jetzt einkaufen, dann weiss man nicht mehr nur nicht, ob man alles bekommt, was man möchte. Man weiss auch nicht mehr, was es kostet. Jeden Tag ändern sich die Preise. Das ist irgendwie komisch. Nur am Gemüsestand ist alles wie es war. Kilo Tomaten, halbes Kilo Zwiebeln, Paprika und Zucchini haben 17 Pfund gekostet. Vor zehn Tagen waren das in Euro noch 1,70€, heute fast nur noch halb so viel. Könnte jetzt günstig einkaufen, wenn ich meine Pfund vom Euro Konto abheben würde. Aber dann habe ich halt keine Euro mehr bzw. weniger. Wahrscheinlich gilt wie immer im Leben: Die Mischung machts.
Wir haben keine Ahnung, was morgen passiert. Grundnahrungsmittel und Wasser sind im Haus. Angeblich sind jetzt alle Voraussetzungen für den internationalen Wirtschaftskredit erfüllt, dann sollte es doch wirtschaftliche Perspektiven geben. Wie aber erklärt man das Menschen aus sogenannten bildungsfernen Schichten, die im Radio hören, dass die Regierung Schuld ist, dass alles so teuer ist und dass sich das nur ändert, wenn man zur Demo geht. Und das Militär sagt, innerhalb von sechs Stunden sind sie im Notfall startklar. Hanshouf, wir werden sehen. Hoffentlich sehen wir nichts und warten ab, bis sich Perspektiven entwickeln und die Währung stabilisiert.

Zucker wird knapp

Heisst es in den Nachrichten. Davon habe ich persönlich noch nichts mitbekommen, produziere ja nicht im Lebensmittelbereich und zuhause brauche ich nicht viel. Aber sehr deutlich sind die Preissteigerungen zu spüren. Das Pfund ist deutlich schwächer und soll erneut abgewertet werden. Es fehlt dem Land, das Grundnahrungsmittel wie Weizen importieren muss, an US Dollar. Ein internationaler Kredit wird – so haben wir es in einem Vortrag gelernt – dann bewilligt, wenn nochmal die gleiche Summe an Finanzmitteln anderweitig organisiert werden kann. Ein stolzes Land in finanzieller Bittstellerposition. Jahrzehntelange Misswirtschaft und Korruption. Das kann man nicht in ein, zwei Jahren korrigieren und heilen tut weh. Das Kilo Rindfleisch kostet im Metrosupermarkt 123 LE, das sind gut 12 Euro. Vor einem halben Jahr waren es noch 80, vielleicht 90 LE. Fast alles ist teurer geworden, manche Produkte gibt es nicht mehr. Haribo Lakritzschnecken zum Beispiel. Finde ich jetzt nicht so schlimm. Höre ich jedoch, dass Babynahrung knapp wird und Medikamente für die Dialyse, dann berührt mich das schon eher.

Noch bin ich nur marginal betroffen. Strom, Gas und Wasser ist teurer, die Landlords (Wohnungseigentümr) fangen an zu spinnen. Brot, Käse, Reis, Gemüse, Obst bekomme ich nach wie vor, viel Besonderes leiste ich mir im Alltag nicht. Trotzdem gibt es einen Punkt, der Sorgen bereitet. Euro. Bislang konnte ich in Kairo von meinen beiden Konten, eines in Deutschland in Euro, eines in Ägypten in ägyptischen Pfund, je ägyptische Pfund abheben. Das geht immer noch. In Deutschland konnte ich von meinen beiden Konten immer Euro abheben. Das geht nicht mehr. Der Zugriff auf ägyptische Konten, um im Ausland Euro oder Dollar abzuheben, ist derzeit auf 100 Euro pro Monat begrenzt. Das monatliche Gehalt wird ordnungsgemäss in Ägypten versteuert und dann teils teils in Pfund und Euro ausgezahlt. Euro sind notwendig für Verpflichtungen in Deutschland wie Fortbildung, Krankenkasse, Rentenversicherung, Provider u.a.. Gespart habe ich in Euro und in Pfund. Einen Heimflug meist vom Eurokonto bezahlt und das Urlaubsgeld vom Pfundkonto abgehoben. Wenn ich jetzt beide Beträge vom Eurokonto abheben muss, bleibt zu wenig auf dem Eurokonto. Nun muss ich eine Lösung finden, um es umgekehrt zu machen, mit der ägyptischen Karte kann ich aber derzeit keine Flüge buchen. Lösung suchen ist angesagt. Im Notfall muss ich nach Deutschland zurück und habe dann auf mein Pfundkonto keinen Zugriff, brauche dann also die Euro. Dass der Notfall kommt, glaube ich nicht, aber wer weiss. Für den 11. November sind Demonstrationen der sogenannten „armen Leute“ angekündigt. Demonstrationen gegen Preissteigerungen. Das war in 2011 mit ein Grund für die Revolution. Im Moment aber ist alles ruhig. 

Angst habe ich keine. In direkter Nachbarschaft habe ich, nach meinem Umzug im Juli, zum einen nun die Schule und zum anderen das sogenannte Baladi, ein Viertel mit ägyptischen Arbeitern und Händlern. Viele Autowerkstätten, viele Kinder, die bis spät nachts unter meinem Balkon Fussball spielen und mit ihren Mopeds herumknattern. Gemüsekarren, Schreiner, Kioske, Sanitär- und Malergeschäfte, zwei Moscheen, Apotheke und die dazugehörigen Wohnungen. Klein, bunt, staubig. Kurz vor dem Opferfest im September bewohnt von den Familien plus ihren dazugehörigen Schafen, Kamelen und Ziegen. Mitten in Kairo wie auf dem Land. Ich kaufe dort mein Obst und Gemüse. Mich kennt man dort vom sehen. Das ist mir wichtig, für den Fall, dass es Demos gibt. Oder sonstige Unruhen. Ausserdem ist das Gemüse super und die Leute echt nett. Meine neue Wohnung gefällt mir auch, ist aber noch nicht „meine“. Trotz Aufzug, Nähe zur Schule, sauberen Böden vermisse ich manchmal mein altes Zuhause.

(Quelle Toubab)

Wie anstrengend Kairo sein kann, konnte meine Mutter bei ihrem Besuch im Oktober spüren. Wir hatten tolle Ferien, haben viel gesehen, waren im Fayoum und in der Wüste, toll essen, schöne Besichtigungen, richtig echte Ferien. Aber zwei Tage habe ich an mehreren Banken versucht, Geld abzuheben. Für die bevorstehende Miete und Fahrt und mehrere Nächte gebuchtes Hotel. Musste alles in bar bezahlt werden. Auf beiden Konten genug Geld, aber leider war es zwei Tage lang nicht möglich, daran zu kommen. Die Geldautomaten gingen nicht oder waren leer oder waren offline oder gingen während einer Transaktion offline und behielten die Karte. Alles ging dann irgendwann gut aus, aber was für ein Stress und Aufwand, nur um Geld abzuheben. Ich denke, das wird noch öfter vorkommen. Regelmässige Entspannung um alles bewältigen zu können, ist im Moment das Wichtigste. 

Werde mir nun ein Gläschen Wein gönnen. Der Wein, den mein Kollege eigentlich mitbringen wollte, den gibt es nun seit einigen Wochen auch nicht mehr. Solange es nur Luxusgüter sind, ok, der andere Wein ist auch lecker. Hoffen wir, dass Wohnungen, Strom, Gas und Wasser und die wichtigsten Nahrungsmittel weiterhin verfügbar und bezahlbar bleiben.