Fünf Jahre Kairo

Monika 2012 BursaNein, noch wohne ich keine fünf Jahre in Kairo. Aber im Gespräch mit einem Bekannten kamen wir darauf, dass ich nun seit genau fünf Jahren nach Kairo komme. Am 28.12.2011 das erste Mal in Kairo gelandet. Mitten in Downtown im Hotel Royal gewohnt. Damals gab es „Bursa“ Cafes noch. Inzwischen alles dicht gemacht. Viel hat sich verändert. Von den damaligen Bekannten und Kollegen habe ich noch genau zu einem regelmäßig Kontakt. Etwas, an das ich mich hier nach all den Jahren nur schwer gewöhne. Menschen kommen und gehen. Nichts ist beständig. An vieles andere habe ich mich gewöhnt und gelernt, mit vielen Dingen zurecht zu kommen. Mal gut, mal weniger. Das Foto zeigt mich in einem meiner geliebten „Bursa Cafes“ und nie hätte ich auch nur im Traum die Idee von dem Leben gehabt, das ich jetzt in Kairo habe. Musiklehrerin an einer deutschen Auslandsschule. govad MUSIC mit Wacken und Sound Branding. Eine eigene Wohnung in Dokki, mitten im ägyptischen Stadtteil. Strassenarabisch. Kirchenvorstand. Chormitglied. Synchronizität nennt sich das, wenn man sich auf neue Wege begibt und das Leben einen durch „Zufälle“ dabei unterstützt. Meine Lernkurve war immens. Als ich an der jetzigen Schule begann und am Einführungskurs vor nun auch schon eineinhalb Jahren teilnahm, da dachte ich „hm, wenn man so in einem neuen Land beginnt, dann ist das ja einfach“. Ich kam erst als Besucher und dann alleine nach Kairo, um ein paar Monate hier zu arbeiten. Ich habe das organisiert, wie meine vielen Business Reisen rund um die Welt. Unterkunft suchen und die Arbeit erledigen und dabei möglichst noch was vom Land mitbekommen. Was wusste ich denn von Expats. Ich wusste weder, dass es sowas gibt, noch wusste ich, dass ich jemals sowas sein würde. Und für meine ägyptischen Kollegen war ich halt die Deutsche im Büro. Das Leben tickt hier anders und ich habe gelernt, mich alleine zurecht zu finden. Ich habe Erfahrungen gemacht, die wenige meiner jetzigen Kollegen jemals machen werden. Ich habe Ägypten als tiefstes Ägypten erlebt. Nicht in einer deutschen Bubble. Und als weiße deutsche Frau ist das nicht immer lustig. Aber ich habe es trotzdem geschafft und meinen Weg hier gefunden. Auch politisch gab es einige Wirren, aber Angst hatte ich in Kairo noch nie. Wütend war ich oft. Über all den Egoismus und manchmal auch Frechheit auf der Strasse. Aber Angst, nein. Ein paar mehr graue Haare habe ich, fällt mir allerdings auf, wenn ich das Foto so betrachte.

München vermisse ich manchmal. Und das pendeln zwischen München und Kairo war irgendwann zu viel, irgendwann musste ich mich entscheiden, und die Chance, als Musiklehrerin hier zu sein, hatte mir die Entscheidung abgenommen. Damals hatte ich nicht mehr das gewohnte Leben in München und auch noch kein soziales Leben in Kairo. Inzwischen bin ich hier zuhause aber nach so langer Zeit auch immer noch in München.

Ich bin neugierig, was ich wohl in fünf Jahren zu schreiben habe. Meine Ziele aus heutiger Sicht habe ich für mich formuliert. Und nicht mehr in Kairo zu sein, kann ich mir im Moment überhaupt nicht vorstellen. Aber das war vom ersten Tag an so. Ich konnte mir vom ersten Moment an trotz allen auch nicht so schönen Erfahrungen niemals vorstellen, nicht mehr nach Kairo zu kommen und nicht mehr hier zu sein.

Kein Weihnachten in Dokki

Weihnachten und Weihnachtszeit in Kairo, das ist so eine Sache. Eigentlich ist hier kein Weihnachten. Ich war beim shopping in downtown, mitten in der Stadt. Schuhe kaufen und Fake Handtaschen. Macht Spass, ägyptisch einzukaufen. Die meisten Schuhe stehen im Schaufenster und dann kommt jemand mit Dir raus und sucht dann irgendwo Deine Grösse und dann kannst Du anprobieren. Viel Plastik dabei und die Handtaschen sind Fake. Dafür ist mit dem derzeitigen Eurokurs günstig einkaufen. Mir sind ja die kleinen Schusterläden lieber. Einen davon in Dokki. Der hat, was er hat – in Grösse und Farbe. Was er nicht hat, gibt es nicht. So einfach ist das. Ich wollte diesmal aber downtown, denn ich kam an all den Läden vorbei, als wir Marianne besuchten und die wohnt downtown. Von Weihnachten war da nichts zu merken. Keine geschmückten Strassen oder Läden. Nicht wie an Ramadan, wo es überall Lametta und Lichter gibt. Ich fand das aber schön, denn schliesslich war ich downtown in Kairo.

Wer Weihnachten in Kairo möchte, der kann das auch haben. In den europäischen und amerikanischen Kulturkreisen.  Unsere Schule veranstaltet jeden letzten Freitag im November einen Weihnachtsbazar. Das ARD hat davon berichtet und man war ein wenig unglücklich darüber, dass der soziale Hintergrund nicht so richtig zur Geltung kam. Weihnachtsstimmung hatte ich absolut null. Lustig war es, denn alles stürzte sich auf die angebotenen deutschen Produkte. Adventskalender, Wein, Spekulatius und Dominosteine. Sowas. Ich habe mir zwei Gläser selbstgemachtes Sauerkraut – von den Schwestern der Boromäerinnen – und Dominosteine geleistet. Am Grillstand gab es Bratwurst und Kartoffelsalat am Fliessband. Über das Sauerkraut habe ich mich gefreut, alles andere vermisse ich nicht. Mir ist auch egal, dass Nutella sehr teuer geworden ist. Nun gut.

Mein Weihnachten fand statt in Konzerten. Mit der Cairo Choral Society. Das war schön mit Orchester und Solisten und spannend weil wir eine Aufführung im neuen Campus der AUC (Amerikanische Universität) hatten. Das Gelände ist schon nicht mehr Kairo sondern in der Wüste am Stadtrand, aber wo ist derzeit Kairo noch Kairo ausser rund um den Nil bei 20 Millionen Einwohnern. Imposant war das Gelände, aber derzeit wäre das da draussen nichts für mich. Unser Schulweihnachtskonzert war auch schön, vor allem habe ich mich über meine Musik AG gefreut. Ein schönes Konzert aber Weihnachtsfreude wardas nicht, ehr die Freude über ein schönes Konzert.

An Heiligabend habe ich im ökumenischen Gottesdienst gespielt – auf dem Kindergartengelände der Boromäerinnen. Das war merkwürdig. Denn ich ging schick angezogen durch die Strassen Dokkis mitten durch den ägyptischen Alltag. Spielte dann Weihnachtslieder rund um ein Krippenspiel und dann ging es zurück in den Alltag. Später auf dem Weg zur Kollegin vorbei an den Autowerkstätten in meinem Viertel zum Taxi. Truthahn essen mit Rotkohl, sehr lecker und erzählen unterm Weihnachtsbaum.

Alles sehr schön, alle Treffen und Kaffeetrinken bei Kerzenschein und Gottesdienste sehr schön. Aber ein hurra es ist Weihnachten kam bei mir nicht auf – aber ich hab es auch nicht vermisst.

Herbsttag

Das Wetter ist schön geworden und die Tage kürzer. Anfang November und auf dem Balkon blüht es wie im Frühjahr. Bereits ab Mittag gibt es angenehmen Schatten, und die Sonne brennt nicht mehr so. Auf dem Balkon sitzen wir jetzt meist zu zweit. Ich dachte eigentlich, ich suche mir wieder ein Zimmer in Zamalek. Immer alleine in Kairo ist anstrengend und immer nur Kollegen muss ja auch nicht sein. Ich erinnerte mich an die gute Zeit mit Magdalena und nun bin ich froh, dass ich nicht umziehen muss und trotzdem jemand zuhause ist. Bis März erstmal. Ausserdem gibt es einen Relaunch von govad MUSIC, und auch dafür habe ich einen Partner gefunden. Den Metal Battle wird es aufgrund der derzeitigen wirtschaftlichen und politischen Situation erst in 2018 wieder geben, es ist daher Zeit für Neues mit einem Business Case. Mit dem Chor hatten wir einen wunderschönen Probentag im Swiss Club mit Garten und Bratwurst, Konzerte sind Anfang Dezember. Kairo ist wieder schön und weniger anstrengend. Aber diese Idylle trügt. 

Für morgen, Freitag, den 11. November, sind landesweite Demonstrationen angekündigt. Plätze wie Zamalek werden bereits vom Militär gesichert, Tahrir Platz soll bereits geschlossen sein. Es gehen Gerüchte um, dass ab heute Abend bereits eine Ausgangssperre verhängt werden soll, doch das kann auch nur mediale Angstverbreitung sein. Ich habe am Samstag einen Termin im Musikstudio und fragte meinen Kollegen dort, ob er denn meint, dass Samstag dann wieder ruhig sein wird oder ob etwas passiert? Seine Antwort war: Es wird nichts passieren. Und wenn doch, Monika, dann machst Du nur noch eines – ins Flugzeug und ab nach Deutschland. Also entweder bleibt es ruhig, oder es knallt gewaltig. Angeblich, und man muss wirklich immer angeblich sagen, denn ich kann nur die englischen Übersetzungen jeweils wirklich lesen, machen die Muslimbrüder gegen das Regime mobil. Alles wird teurer, einiges wird knapp, das ägyptische Pfund verliert im Vergleich zu sogenannten harten Währungen täglich an Wert. Geht man jetzt einkaufen, dann weiss man nicht mehr nur nicht, ob man alles bekommt, was man möchte. Man weiss auch nicht mehr, was es kostet. Jeden Tag ändern sich die Preise. Das ist irgendwie komisch. Nur am Gemüsestand ist alles wie es war. Kilo Tomaten, halbes Kilo Zwiebeln, Paprika und Zucchini haben 17 Pfund gekostet. Vor zehn Tagen waren das in Euro noch 1,70€, heute fast nur noch halb so viel. Könnte jetzt günstig einkaufen, wenn ich meine Pfund vom Euro Konto abheben würde. Aber dann habe ich halt keine Euro mehr bzw. weniger. Wahrscheinlich gilt wie immer im Leben: Die Mischung machts.
Wir haben keine Ahnung, was morgen passiert. Grundnahrungsmittel und Wasser sind im Haus. Angeblich sind jetzt alle Voraussetzungen für den internationalen Wirtschaftskredit erfüllt, dann sollte es doch wirtschaftliche Perspektiven geben. Wie aber erklärt man das Menschen aus sogenannten bildungsfernen Schichten, die im Radio hören, dass die Regierung Schuld ist, dass alles so teuer ist und dass sich das nur ändert, wenn man zur Demo geht. Und das Militär sagt, innerhalb von sechs Stunden sind sie im Notfall startklar. Hanshouf, wir werden sehen. Hoffentlich sehen wir nichts und warten ab, bis sich Perspektiven entwickeln und die Währung stabilisiert.